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Sermones – Satirische Plaudereien

II,1



‚Sunt quibus in satura videar nimis acer et ultra
legem tendere opus; sine nervis altera quidquid
conposui pars esse putat similisque meorum
mille die versus deduci posse. Trebati,
5 quid faciam? praescribe.‘ ‚quiescas.‘ ‚ne faciam, inquis,
omnino versus?' 'aio.' 'peream male, si non
optimum erat; verum nequeo dormire.' 'ter uncti
transnanto Tiberim, somno quibus est opus alto,
inriguumque mero sub noctem corpus habento.
10 aut si tantus amor scribendi te rapit, aude
Caesaris invicti res dicere, multa laborum
praemia laturus.' 'cupidum, pater optime, vires
deficiunt; neque enim quivis horrentia pilis
agmina nec fracta pereuntis cuspide Gallos
15 aut labentis equo describit volnera Parthi.'
'attamen et iustum poteras et scribere fortem,
Scipiadam ut sapiens Lucilius.' 'haud mihi dero,
cum res ipsa feret: nisi dextro tempore Flacci
verba per attentam non ibunt Caesaris aurem:
20 cui male si palpere, recalcitrat undique tutus.'
'quanto rectius hoc quam tristi laedere versu
Pantolabum scurram Nomentanumque nepotem,
cum sibi quisque timet, quamquam est intactus, et odit.'
'quid faciam? saltat Milonius, ut semel icto
25 accessit fervor capiti numerusque lucernis;
Castor gaudet equis, ovo prognatus eodem
pugnis; quot capitum vivunt, totidem studiorum
milia: me pedibus delectat claudere verba
Lucili ritu, nostrum melioris utroque.
30 ille velut fidis arcana sodalibus olim
credebat libris neque, si male cesserat, usquam
decurrens alio neque, si bene; quo fit ut omnis
votiva pateat veluti descripta tabella
vita senis. sequor hunc, Lucanus an Apulus anceps;
35 nam Venusinus arat finem sub utrumque colonus,
missus ad hoc pulsis, vetus est ut fama, Sabellis,
quo ne per vacuum Romano incurreret hostis,
sive quod Apula gens seu quod Lucania bellum
incuteret violenta. sed hic stilus haud petet ultro
40 quemquam animantem et me veluti custodiet ensis
vagina tectus: quem cur destringere coner
tutus ab infestis latronibus? o pater et rex
Iuppiter, ut pereat positum robigine telum
nec quisquam noceat cupido mihi pacis! at ille,
45 qui me conmorit (melius non tangere, clamo),
flebit et insignis tota cantabitur urbe.
ultra: darüber hinaus, Praep. mit Acc.: vom Raume, jenseit, über... hinaus, legem: über das Gesetz hinaus, mehr, als das Gesetz erlaubt; nervus, i: Pl. die Sehnen, Nerven als Spannkraft, Lebenskraft; deducere u. a.: fort- anspinnen; quiesco, evi, eturus, ere: ruhen, ausruhen, haltmachen, innehalten, aufhören, es gut (getan) sein lassen, die Sache ruhen lassen; perire: u. a. als Beteuerung: peream, si, nisi, ni, ich will des Todes sein, wenn, wenn nicht; opus est: es ist nötig, -notwendig, -vonnöten, mit Dat. pers., mit Angabe der nötigen Sache im Nom. oder Abl.; ungo u. unguo, unxi, unctum, ere: salben, besalben, bestreichen; irriguus: bewässert, befeuchtet; deficere: u. a. jmd. verlassen = jmd. im Stiche lassen; quivis: jeder beliebige; cuspis, idid f. Spitze, Wurfspieß; labi: u. a. herabgleiten, -sinken; Scipiadas, ae, m. u. Scipiades, ae, m.: einer aus der Familie der Scipionen, ein Scipiade, poet = ein Scipio; dero = deero; palpo, avi, atum, are, u. palpor, atus sum, ari: ein Tier sanft (mit der flachen Hand) klopfen und streicheln, schmeicheln, liebkosen; recalcitrare: zurückstoßen; tutus, a, um: sicher, wohlverwahrt, vorsichtig; scurra: Stutzer, Narr, Liebediener; nepos: Enkel, Neffe, auch: ein junger Verschwender; ictum caput: ein vom Wein betäubter, ein benebelter Kopf, Hor. sat. 2, 1, 24; ac-cedo, cessi, cessum, ere: herzu-, herantreten, -kommen, einem Ziele nahen, sich nähern, feindlich herannahen, anrücken, angreifen, als Zuwachs hinzukommen, zunehmen, wachsen ut accessit numerus lucernis, bei der Trunkenheit, weil Trunkene alles doppelt sehen, Hor.; studium: u. a. Neigung, Vorliebe, das Interesse; usquam: irgendwo; decurrere auch: zu etw. od. jmd. seine Zuflucht nehmen; alio: Adv. (alius), anderswohin; violentus: gewalttätig, ungestüm, heftig; robigo: Rost; commovere: bewegen, aufregen, beunruhigen;


Horaz:
Es gibt Leute, denen ich bei der Satire allzu scharf und mein Werk über das (Gattungs)Gesetz hinaus zu überspannen erscheine. Ein anderer Teil glaubt, was ich auch geschrieben habe, sei ohne Spannkraft, und Verse, ähnlich den meinen, könnten am Tag tausend abgesponnen werden. Trebatius, was soll ich tun? Schreibe es (mir) vor!
Trebatius:
Du sollst die Sache ruhen lassen.
Horaz:
Ich soll, sagst du, überhaupt keine Verse machen?
Trebatius:
So sage ich.
Horaz:
Ich will heillos des Todes sein, wenn es nicht das beste wäre (s. K.-H.); aber ich kann nicht schlafen.
Trebatius:
Denen der tiefe Schlaf nötig ist (-nto: Imperativ II 3. Pers. Plural), durchschwimmt dreimal eingeölt den Tiber; haltet zur Nacht den Körper mit Wein feucht. Oder wenn eine solch große Liebe zum Schreiben dich fortreißt, wage, die Taten des unbesiegten Caesars zu singen; dabei wirst du viel Lohn für deine Mühen davontragen.
Horaz:
Bester Vater, den Eifrigen verlassen die Kräfte. Nicht nämlich beschreibt jeder beliebige die durch Speere schrecklichen Schlachtreihen, nicht durch einen zerbrochenen Wurfspieß zugrundegehende Gallier oder die Wunden des vom Pferd herabsinkenden Parthers.
Trebatius:
Und doch könntest du (ihn, Caesar) als Gerechten und Tapferen besingen wie der weise Lucilius den Scipiaden.
Horaz:
Was mich betrifft (mihi, Dat. ethic.), werde ich es nicht fehlen lassen/An mir soll es nicht liegen, wenn die Gelegenheit selbst es bringen wird. Nur zur rechten Zeit werden die Worte des Flaccus durch das aufmerksame Ohr des Caesar gehen (wenn nicht zur rechten Zeit, werden ... nicht gehen), der, wenn du ihm plump schmeichelst, vorsichtig/auf der Hut nach allen Seiten ausschlägt.
Trebatius:
Um wieviel besser ist dies, als in bissigem Vers den Stutzer Pontalabus und den Verschwender Nomentanus zu verletzen, wobei jeder für sich fürchtet, auch wenn er nicht angetastet wurde, und hasst.
Horaz:
Was soll ich tun? Milonius tanzt, sobald einmal die Weinglut in Bezug auf den benebeltem Kopf (capiti auch Abl, hier limitationis/respectus) und die Zahl in Bezug auf die Lampen zugenommen hat. Castor freut sich an Pferden, der aus demselben Ei Geborene am Faustkampf. Wieviel Köpfe leben, soviel tausend Neigungen. Mich freut es, die Worte mit Versfüßen einzuschließen nach Art des Lucilius, der besser ist als jeder von uns beiden. Jener vertraute einst sein Innerstes wie treuen Freunden den Büchern an, weder, wenn es schlecht gegangen war, in irgendeiner Sache seine Zuflucht anderswohin nehmend, noch wenn es gut gegangen war. So geschieht es, dass das ganze Leben des Greisen wie eine gemalte Votivtafel offenliegt. Ich folge diesem, als Lucaner oder vielleicht als Apuler zwei Seiten habend. Denn der Venusische Colonist pflügt an das Gebiet von jedem von beiden, dorthin gesandt, nachdem, wie eine alte Sage berichtet, die Sabeller vertrieben worden sind, damit auf diese Weise (K.-H.) nicht durch die Leere dem Römer der Feind einfalle, sei es dass das gewalttätige Apulische Volk oder das Lukanische irgendeinen Krieg erregt. Aber dieser (mein) Griffel wird nicht aus freien Stücken sich gegen irgendeinen Lebenden richten wie mich ein Schwert behütet, das von der Scheide bewacht ist. Warum sollte ich versuchen dieses zu ziehen, sicher vor feindseligen Räubern. Oh Vater und König Juppiter, dass doch die Waffe, niedergelegt, durch Rost verderbe und dass nicht irgendjemand, mir, der begierig nach Frieden ist, schade! Aber jener, der mich aus meiner Ruhe stört - ich warne: besser nicht anfassen - wird klagen und in der ganzen Stadt wird er, gekennzeichnet, besungen werden.



Cervius iratus leges minitatur et urnam,
Canidia Albuci quibus est inimica venenum,
grande malum Turius, siquid se iudice certes.
50 ut quo quisque valet suspectos terreat utque
imperet hoc natura potens, sic collige mecum:
dente lupus, cornu taurus petit: unde nisi intus
monstratum? Scaevae vivacem crede nepoti
matrem: nil faciet sceleris pia dextera: mirum,
55 ut neque calce lupus quemquam neque dente petit bos:
sed mala tollet anum vitiato melle cicuta.
ne longum faciam: seu me tranquilla senectus
exspectat seu mors atris circumvolat alis,
dives, inops, Romae, seu fors ita iusserit, exsul,
60 quisquis erit vitae scribam color.'
minitari: (an)drohen; certare: insbes. über etw. vor Gericht streiten, debattieren, verhandeln, auch mit Akk.; suspectus, a, um: beargwöhnt, verdächtig, Verdacht erregend; colligere: den Schluß ziehen, folgern, schließen, abnehmen, sich ein Urteil bilden, Pers.: sic collige mecum; credere: u. a. vertrauen, etwas anvertrauen, auf Treu und Glauben übergeben, - überlassen; nepos: Enkel, Neffe, auch: junger Verschwender; calx, cis, f.: die Ferse; tollo: u. a. aufheben, beseitigen, tilgen, vertilgen, vernichten, vitio, avi, atum, are (vitium): fehlerhaft machen, verletzen, verderben; mel, mellis, n.: der Honig; cicuta, ae, f.: der Schierling; longum adv., lange, lange Zeit, ne longum faciam, um nicht weitläufig zu werden, um es kurz zu sagen, Hor.


Cervius droht voller Wut, die Gesetze an und die Urne (für die Stimmtafeln der Geschworenen), Canidia denen sie feindlich gesinnt, ist das Gift des Albucius (der damit vergiftet wurde), Turius ein großes Unheil, wenn du, während er Richter ist, wegen etwas prozessierst. Wie ein jeder die Verdächtigen einschüchtert, so wie er es vermag, und wie die mächtige Natur dies gebietet, also folgere mit mir: Der Wolf greift mit seinem Gebiss an, mit seinen Hörnern der Stier, woher dies (ihnen) gezeigt, wenn nicht aus dem Inneren. Überlass dem Verschwender Scaeva seine langlebige Mutter; kein Verbrechen wird die fromme Hand bewirken – o Wunder! Wie ja weder der Wolf mit der Ferse noch der Ochse mit dem Gebiss angreift: Aber bösartiger Schierling im verdorbenen Honig beseitigt die Alte. Um es kurz zu sagen: Sei es, dass mich ein ruhiges Alter erwartet, oder der Tod mich mit schwarzen Flügeln umfliegt, reich, arm, in Rom, oder sei es, dass das Schicksal es so gefügt hat, verbannt, welche Farbe des Lebens sein wird (wie die Lebensverhältnisse auch sein werden), ich werde dichten.



……………………………………'o puer, ut sis
vitalis metuo et maiorum nequis amicus
frigore te feriat.' 'quid? cum est Lucilius ausus
primus in hunc operis conponere carmina morem
detrahere et pellem, nitidus qua quisque per ora
65 cederet, introrsum turpis: num Laelius aut qui
duxit ab oppressa meritum Karthagine nomen
ingenio offensi aut laeso doluere Metello
famosisque Lupo cooperto versibus? atqui
primores populi arripuit populumque tributim,
70 scilicet uni aequus virtuti atque eius amicis.
quin ubi se a volgo et scaena in secreta remorant
virtus Scipiadae et mitis sapientia Laeli,
nugari cum illo et discincti ludere, donec
decoqueretur holus, soliti. quidquid sum ego, quamvis
75 infra Lucili censum ingeniumque, tamen me
cum magnis vixisse invita fatebitur usque
invidia et fragili quaerens inlidere dentem
offendet solido; nisi quid tu, docte Trebati,
dissentis.' 'equidem nihil hinc diffindere possum.
80 sed tamen ut monitus caveas, ne forte negoti
incutiat tibi quid sanctarum inscitia legum:
si mala condiderit in quem quis carmina, ius est
iudiciumque.' 'esto, siquis mala; sed bona siquis
iudice condiderit laudatus Caesare? siquis
85 opprobriis dignum latraverit, integer ipse?'
'solventur risu tabulae, tu missus abibis.'
vitalis, e (vita), zum Leben gehörig, Leben enthaltend, d.h. das Leben erhaltend, Lebenskraft habend o puer, ut sis vitalis metuo, ich fürchte, du lebst nicht lange, Hor.; ferio, ire: stoßen, hauen, stechen, schlagen; pellis, is f.: Haut, Fell; nitidus, a, um: gleißend, blinkend, blank, glänzend, hell; os, oris, n.: das Antlitz, Gesicht; offensus: erzürnt; co-operio (coperio), perui, pertum, ire: von allen Seiten bedecken, überdecken, überschütten; at-qui: zur nachdrücklichen Anknüpfung einer adversativen Behauptung, auf welche Weise dagegen, dagegen eben, gleichwohl aber, aber doch, nun doch, vielmehr; aequus u. a. : gegen andere gelassen, nachsichtig, ihnen gewogen, geneigt, wohlwollend, günstig; remorant = removerant; secretum, i, n: die Abgeschiedenheit, Einsamkeit; discinctus: losgegürtet; olus, eris n.: Kohl, Gemüse; illidere, lisi, lisus: heineinstoßen, zerschmettern; offendo: anstoßen, verletzen; diffindere: equidem nihil hinc diffindere possum: ich kann nichts von dem (was du gesagt) abspalten (abzwacken, abhandeln) = ich muß deiner Meinung völlig beipflichten, Hor. sat. 2, 1, 79; in-cutio, cussi, cussum, ere: anschlagen, anstoßen, einflößen, einjagen, erregen, verursachen


Trebatius:
Oh Junge, ich fürchte, dass du nicht lange lebst und dass irgendein Freund der Mächtigen dich mit Kälte trifft.
Horaz:
Was? Als Lucilius als erster wagte, in dieser Art des Werks Lieder zu dichten und die Haut abzuziehen, mit der jeder glänzend vor aller Augen einherging, im Innern ein Schurke, waren etwa Laelius oder der, der vom bedrängten Karthago seinen verdienten Namen trug, durch sein Talent erzürnt oder schmerzte es sie, wenn Metellus verletzt wurde und wenn Lupus überschüttet wurde mit schmähenden Versen? Vielmehr packte er die ersten des Volks und ein Stadtteil nach dem anderen das Volk, natürlich einzig der Tugend und ihren Freunden gewogen. Ja sogar sobald die Tugend des Scipio und die milde Weisheit des Laelius sich vom Volk und der Bühne in die Abgeschiedenheit zurückgezogen hatten, waren sie gewohnt, mit jenem zu schwatzen und, von der Toga befreit, zu scherzen, bis der Kohl abgekocht war. Was auch immer ich bin, wenn auch unterhalb des Besitzes (Lucilius war begütert.) und der Begabung des Lucilius, wird dennoch der Neid widerwillig ununterbrochen bekennen, dass ich mit Großen gelebt habe, und, (weiterhin der Neid) sich mühend, den Zahn an Zerbrechlichem zu stoßen (dem Zerbrechlichen hineinstoßen), an Festem verletzen, wenn du nicht in irgendeiner Hinsicht (Acc. Graecus Menge 46) anderer Meinung bist, gelehrter Trebatius.
Trebatius:
Ich meinerseits kann nichts von dem bestreiten. Aber hüte dich doch wie ein Ermahnter, dass dir nicht zufällig die Unkenntnis der heiligen Gesetze irgendetwas (an) deiner Lage anhängt: „Wenn einer gegen einen schlechte Gedichte verfasst hat, dann gilt Recht und Urteil.“ (Erinnerung an das Zwölftafel-Gesetz)
Horaz:
Es sei so, wenn einer schlechte; aber wenn einer gute Gedichte verfasst hat, gelobt, wobei Caesar der Richter war? Wenn einer einen anbellt, der die Schande verdient hat, selbst untadelig?
Trebatius:
Durch Lachen werden die Gesetzestafeln aufgegeben, du wirst, fortgeschickt, weggehen.



Buch I, 10. Satire / Buch II, 6. Satire

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