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Die Nibelungenstrophe besteht aus vier Langversen. Jeder dieser Langverse gliedert sich in An- und Abvers. Der Einschnitt (Zäsur) zwischen An- und Abvers ist deutlich spürbar; oft entspricht dieser Gliederung auch die syntaktische Fügung.

Übernommen wurde diese Strophe aus der Lyrik. Der Österreicher von Kürenberg schuf sie für seine kleinen Minnelieder (‚Ich zôch mir einen valken’). Da diese Lyrik gesungen, das Nibelungenlied rezitiert wurde, erschließt sich die metrische Gestalt der Verse an ehesten in Analogie zur Musik, das heißt: die einzelnen Silben gliedern sich nicht nur nach Hebung und Senkung, sondern auch - genauer als im Nhdt. - nach Länge und Kürze.
In dem Abvers ‚grôzer êren vil gewan’(7,4) hat jede Silbe den Wert einer viertel Note.
Dieser Vers besteht also aus vier Takten mit je zwei Silben bzw. einer Silbe und einer Viertelpause (P) im letzten Takt. Auf der schweren Zeit des Taktes (Hebung) liegt der Hauptton der Wörter (grô-, ê-, vil, -wan), der ja auch in der Prosasprechweise akzentuiert ist:
/grô-zer /ê- ren/ vil ge - /wan P/.

Nun können aber im mhdt. Vers zwei Silben durch eine ersetzt werden, so dass eine Silbe im Wert einer halben Note den Takt füllt und entsprechend lang gesprochen wird:
/sît in /Ét-/zè-len /land P/ (5,4)
(Die der langen Silbe folgende nebentonige Silbe (-ze-) fällt dadurch auf eine schwere Taktzeit; dass sie weniger betont wird als sonst die Silben auf beschwerter Zeit, deutet der Gravis an.)

Auf diese Weise den Takt mit einer Silbe zu füllen, ist nur möglich, wenn diese Silbe lang ist; d.h. dass sie entweder einen Diphthon oder langen Vokal haben muss (naturlang) oder dass einem kurzen Vokal zwei oder mehr Konsonanten folgen (wie bei ‚Etzelen’). Da durch diese Taktfüllung die Silbe aus dem Vers hervorgehoben wird (‚beschwerte Hebung’), muss sie sinntragend sein (Wurzelsilbe von Substantiven, Adjektiven und Verben); vor allem Eigennamen werden oft auf diese Weise besonders betont.
Einfluss dieser Kadenz zeigt sich heute noch im Lied
‚O /Haupt voll /Blut und /Wun - /den P’/.

Eine Silbe in Wert einer Viertelnote kann durch zwei Silben im Wert von Achtelnoten ersetzt werden (Auflösung): von /zwéi-er /é-de-len /fróu-wen /lîp P/ (6,4; ‚von’ ist Auftakt.)

Dies ist aber nur möglich bei kurzen Silben; in der Regel ist die erste dieser Silben kurz und offen (-de-), die zweite hat ein stummes e (-len).

Zur Skansion eines Verses benutzt man meist keine Noten, sondern x (More) für die Viertelnote, ein Bogen für die Achtelnote, _ (mit Akut) für die halbe Note (beschwerte Hebung).

Den Akut benutzt man zur Bezeichnung der schweren Taktzeit, den Gravis dort, wo eine nebentonige Silbe auf eine beschwerte Zeit fällt (siehe oben).

Variationsmöglichkeiten der Nibelungenstrophe
Die Folge der Längen und Kürzen (Hebungen, beschwerte Hebungen; Senkungen) ist in der Nibelungenstrophe nicht streng festgelegt; das heißt
a) in jedem Takt kann statt; zwei Silben eine stehen (statt zwei viertel eine halbe Note, beschwertete Hebung); der zweite Takt des vierten Abverses hat meist eine beschwerte Hebung:
/vil ver – /lie - /sen den /lîp P /(2,4)

b) jede More kann durch zwei kurze Silben aufgelöst werden (zwei Achtel statt einer Viertel) außer im 3. und 4. Takt der Anverse;

c) jeder Vers kann, aber muss nicht ein- oder zweisilbigen Auftakt haben;

d) es wechseln einsilbig und zweisilbig stumpfe bzw. zweisilbig und dreisilbig klingende Kadenzen (Erklärung s. u.).

Durch diese vier Möglichkeiten, die metrische Gestalt zu variieren, erhält jede Strophe ein eigenes metrisches und rhythmisches Gepräge, so dass die Nibelungenstrophe selbst in einer 2400fachen Wiederholung vom Rhythmus her - im Unterschied zu Uhlands ‚Nibelungenstrophe’ in ‚Des Sängers Fluch’ - nicht langweilig wirkt.

Das Unveränderliche der Nibelungenstrophe
a) Regelmäßig ist in den drei ersten Abversen der 4. Takt nicht gefüllt, also pausiert:
/wun - ders /vil ge - /seit P /P P/ (1,1)
Durch die Füllung des 4. Taktes im 4. Abvers wird dann deutlich der Abschluss der Strophe markiert.

b) Regelmäßig sind die K a d e n z e n (Versausgänge) verteilt: die Anverse enden mit
k l i n g e n d e r, die Abverse mit s t u m p f e r Kadenz.

1. Bei der stumpfen Kadenz endet der Vers betont:
/wun - ders /vil ge - /seit P /P P / (1,1)
/vil ver – /lie – /sen den /lîp P / (2,4; im zweiten Takt liegt beschwerte Hebung vor.)

Die More der stunpfen Kadenz kann in zwei kurze Silben aufgelöst werden (zweisilbig stumpfe Kadenz):
von /wei - nen /und von /kla - gen P /P P / (1,3)
muget /ir nu /wun - der /hoe - ren /sa - gen P/ (1,4; ‚muget’ ist zweisilbiger Auftakt; ‚klagen’ und ‚sagen’ können auf Achtelwert reduziert werden, da die erste Silbe kurz und offen ist und die zweite stummes e hat.)

2. Bei der klingenden Kadenz liegt der Hauptton des Vers-Endes auf der vorletzten Silbe, die letzte Silbe hat ein stummes e:
uns /ist in /al - ten /mae - /rèn P / (1,1)
Die vorletzte Silbe der klingenden Kadenz füllt immer einen ganzen Takt; die klingende Kadenz beruht also auf dem Prinzip der beschwerten Hebung.
Diese beschwerte Hebung in der klingenden Kadenz kann auch in zwei Moren aufgelöst werden, so dass eine dreisilbig klingende Kadenz entsteht: dar /um - be /muo - sen /de – ge - /nè P /

Vergleich der Kadenzen des mhdt. Verses mit denen des nhdt. Verses
1. Die einsilbig stumpfe Kadenz bleibt.
2. Die zweisilbig stumpfe Kadenz wird zur klingenden Kadenz, da der kurze Vokal in offener Silbe sich dehnt.
3, Die vorletzte Silbe der mhdt. klingenden Kadenz wird im Nhdt. verkürzt. Das Nhdt. kennt keine beschwerte Hebung. Die Länge von 1 ½ Takt reduziert sich auf ungefähr einen Takt.
Aus: und /Gis – el - /her der /jun- /gè P/ (4,3) wird im Nhdt.
und /Gis – el - /her der /jun- ge/.



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