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Kurzgeschichte
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Die Eigenart der Kurzgeschichte
Die Eigenart der Kurzgeschichte hängt u.a. mit ihrer Kürze zusammen, wobei zu überlegen bleibt, ob die Kürze eine Folge der Eigenart ist oder ob die Eigenart durch die Kürze bestimmt wird.

Die Kurzgeschichte wurde zunächst für die Zeitung geschrieben und musste darum kurz sein. Diese Herkunft der Kurzgeschichte spricht dafür, dass die Kürze die Eigenart bestimmt.

In jedem Fall ist die Kurzgeschichte aufgrund ihrer Kürze die passende literarische Form für eine Zeit, die u.a. weniger durch Muße und Beschaulichkeit als vielmehr durch schnelleres, manchmal hektisches Tempo bestimmt wird.

Die Kurzgeschichte erzählt nicht einen längeren sich langsam entwickelnden und schließlich abgerundeten Handlungsverlauf, sondern blendet sich unmittelbar in ein Geschehen ein, greift einen Punkt des Geschehens heraus, an den sich dann das, was zur Erklärung dieses Punkts notwendig wird, anschließt. So wirkt die Kurzgeschichte meist wie ein kurzer Ausschnitt, bei dem Anfang und Ende fehlen bzw. nur angedeutet sind, und zeigt sich so als das angemessene Ausdrucksmittel einer Zeit, die keine Möglichkeit gibt für langsame Entwicklung, langsames Reifen von einem Ausgangspunkt über Höhepunkte bis zum erfüllten Ende hin und in der die Zukunft offen und ungesichert bleibt (vor allem also der Kriegs- und Nachkriegszeit).

Beispiele für solche punktuellen Ereignisse: die Wandlung Daniels (Böll 'Daniel, der Gerechte'); die Versöhnung der Eheleute (Böll 'So ward Abend und Morgen'); mehrere punktuelle Ereignisse innerhalb einer Geschichte: Borchert 'An diesem Dienstag'

Dieser Augenblick, der herausgehoben wird, ist, da er interessant sein muss, ein Ereignis von entscheidender, oft ungewöhnlicher Bedeutung (z. B. der Selbstmord des Mädchens; Borchert 'Der Kaffee ist undefinierbar'); oft ist es der Wendepunkt, Höhepunkt eines Lebens.

In einer längeren Erzählung (Beispiel: Keller 'Kleider machen Leute') wird ein solcher Höhepunkt (wie sich Nettchen zu Wenzel bekennt) allmählich vorbereitet; diesem Höhepunkt folgt ein das Ganze abrundender Schluss (Hochzeit und Ehe).

In der Kurzgeschichte wird eigentlich nur der Höhepunkt gezeigt, alles übrige wird ihm völlig untergeordnet. Zu diesem Zweck ist das Mittel der Rückblende sehr beliebt, die den Höhepunkt erklären hilft (z.B. Böll 'Daniel, der Gerechte'; 'So ward Abend und Morgen').

Dieses punktuelle Ereignis, aus dem heraus die Kurzgeschichte gestaltet ist, wird oft schon in der Überschrift angedeutet.

Die Ausrichtung auf einen Moment hin macht es erforderlich, dass dieser Moment menschlich-bedeutend ist: ein dramatisches Ereignis im Leben eines Menschen wird dargestellt, wobei dramatisch nicht heißt, dass nach außen hin viel geschehen muss; die Dramatik ist in den seelischen Vorgang hineingelegt. Nach außen hin wird sogar jeder theatralische Effekt vermieden: den äußeren Rahmen bildet meist der graue Alltag. Aus einem Alltagsleben wird also ein Moment herausgegriffen und so beleuchtet, dass seine Problematik scharf ausgeleuchtet ist. Vorausgesetzt ist eine Sehweise, die auch im Alltag das Ungewöhnliche, Dramatische erkennt.

In manchen Kurzgeschichten wird dieser dramatische Moment um des Effekts willen allzu grell dargestellt.
Beispiel: dass das Mädchen zu den drei Männern sagt, es müsse sich umbringen, und diese nicht auf die Probleme des Mädchens eingehen (Borchert 'Der Kaffee ist undefinierbar')

Aus Kellers 'Kleider machen Leute' wäre also in einer Kurzgeschichte nur die Darstellung von Nettchens Wandlung, die Beleuchtung ihres seelischen Problems denkbar. Ein Höhepunkt dieser Erzählung, die Entlarvung Wenzels, könnte in einer Kurzgeschichte nicht dargestellt werden, da er der äußere Höhepunkt eines längeren Geschehens ist.

Weil die Kurzgeschichte sich auf ein problematisches seelisches Ereignis konzentriert, wird oft nicht eine Handlung, ein Geschehen sachlich, ruhig erzählt; der Erzähler spricht vielmehr aus der problematischen Lage des Helden heraus: er versetzt sich entweder so sehr in das Problem des Helden, dass dessen Überlegungen zum wesentlichen Bestand der Darstellung gehören (innerer Monolog; erlebte Rede), oder der Held ist selbst der Erzähler und spricht in der Ich-Form aus der Not seines Problems heraus (z.B. Böll 'Wanderer, kommst du nach Spa').

Die Kürze der Kurzgeschichte ineins mit dem bedeutenden Inhalt fordert eine Darstellungsweise, in der
1. jede Ausmalung, Dekoration verschwindet,
2. Bedeutendes in verkürzter Weise erscheint.

Zu 2.: Zu einer solchen verkürzten Darstellung wesentlicher und komplizierter Probleme verhilft die Zeichenhaftigkeit des Dargestellten; das heißt: Einzelheiten der Geschichte sind nicht nur als Wiedergabe der Realität zu werten, sondern auch als Zeichen. Die im Zusammenhang der Geschichte oft unscheinbar und belanglos zu sein scheinende Einzelheit weist über den Zusammenhang der Geschichte hinaus auf Ideen und Wirklichkeiten, die in die Geschichte hineinwirken, aber nicht ausführlich wie in einem Roman dargestellt werden können.

Einen solch zeichenhaften Charakter hat z.B. die Einrichtung der Schule in Bölls 'Wanderer, ... ' . Sie weist hin auf die Wirklichkeit des Naziregimes und auf die Ideen und Haltungen, nach denen die Schüler jener Zeit erzogen wurden. Hinweischarakter hat auch die Einzelheit (Handlungszug), dass der Schüler seine Schule nicht wiedererkennt, bzw. nur mit den Augen, nicht mit dem Herzen. Sie weist auf die völlige Wertlosigkeit jener Erziehung.

In dieser Notwendigkeit, in verkürzter Form vieles zu sagen, liegt eine Schwierigkeit, die oft nicht gemeistert wird: Einzelheiten werden gewaltsam zu Zeichen für Allgemeines gemacht, ohne dass diese Einzelheiten sich dazu eignen; sie werden überstrapaziert (z.B. Borchert 'Der Kaffee ist ...'-: der undefinierbare Kaffee = Leben des Menschen).

Um die Einzelheiten in ihrer Zeichenhaftigkeit hervorzuheben, werden sie wiederholt. So werden Wiederholungen von Worten, sprachlichen Wendungen, Sätzen, Handlungszügen zu einem wesentlichen Merkmal der Kurzgeschichte, zu deren Hauptmöglichkeit, den dargestellten Moment einem umfassenderen Zusammenhang zuzuordnen; z. B. wird der Augenblick, als der Verwundete wieder in seine Schule zurückkehrt, der Verlogenheit einer Bildung, die eine Tradition von zweieinhalb Jahrtausenden hat (Böll 'Wanderer, ...) zugeordnet.

Gefahr dieses Darstellungsmittels: Es kann leicht zu aufdringlich wirken.

Da der Autor der Kurzgeschichte nicht die großen Zusammenhänge (etwa der Politik) ausführen, sondern auf diese nur hinweisen will, indem er einen Moment irgendeines ganz alltäglichen Lebens herausgreift, versucht er oft, dieses Alltägliche auch durch seine Sprache zu fassen, d.h. er entfernt sich bewusst von der Hochsprache und schreibt auf einem niederen Sprachniveau, oft auf dem der Umgangssprache. So werden Alltagswendungen, floskelhafte Redewendungen der Umgangssprache aufgegriffen. Einleuchtend ist der Gebrauch dieses Sprachstils, wenn der Alltagsheld in der Ich-Form spricht. Hier wirken auch die Wiederholungen nicht auffällig, da sie zur Eigenart eines niederen Sprachniveaus gehören. Der Erzähler einer Kurzgeschichte in der Er-Form nähert seinen Stil der Umgangssprache an, um die Atmosphäre des Alltäglichen zu erfassen.

Die Schwierigkeit dieses Darstellungsverfahrens: Alltagsjargon überzeugt nur, wenn er echt ist, zumindest echt wirkt. Der Autor der Kurzgeschichte aber muss sich normalerweise zu dieser saloppen Sprachform zwingen, so dass diese oft gekünstelt wirkt.



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