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Die Partizipien

Die lateinische Sprache kennt vier Partizipien, und zwar
das Partizip der Gleichzeitigkeit Aktiv (Partizip Präsens Aktiv: PPA)
das Partizip der Vorzeitigkeit Passiv (Partizip Perfekt Passiv: PPP)
die Partizipien der Nachzeitigkeit Aktiv und Passiv (Partizip Futur Aktiv: PFA; Partizip Futur Passiv: PFP = Gerundivum).



I. Das Partizip Präsens Aktiv

1. Bildung und Deklination
Das Bildungselement ist, ähnlich wie im Deutschen, -nt- (im Deutschen: -nd). Dieses Bildungselement wird an den Stamm angehängt; dem Bildungselement folgen die Kasusendungen der gemischten Deklination.
Achtung: Wie bei virtus, virtut-is fällt das -t- im Nominativ Singular vor -s aus.

Das Partizip Präsens hat wie die Adjektive der Einer-Endung im Nominativ Singular für alle drei Genera nur eine Form, also:



  Masculinum und Femininum Neutrum
1. Fall Sg. laud-a-n(t)-s laud-a-n(t)-s
2. Fall Sg. laud-a-nt-is laud-a-nt-is
3. Fall Sg. laud-a-nt-i laud-a-nt-i
4. Fall Sg. laud-a-nt-em laud-a-n(t)-s
5. Fall Sg. laud-a-nt-e laud-a-nt-e
     
1. Fall Pl. laud-a-nt-es laud-a-nt-ia
2. Fall Pl. laud-a-nt-ium laud-a-nt-ium
3. Fall Pl. laud-a-nt-ibus laud-a-nt-ibus
4. Fall Pl. laud-a-nt-es laud-a-nt-ia
5. Fall Pl. laud-a-nt-ibus laud-a-nt-ibus


2. Die Funktion im Satz (Zeitverhältnis)
Das lateinische PPA wird wie das deutsche PPA gebraucht: Sowohl im Lateinischen als auch im Deutschen bezieht es sich auf den Zeitpunkt, der im Prädikat des Satzes angegeben ist, und zwar in der Weise, dass das Geschehen, das im Partizip ausgedrückt ist, zur gleichen Zeit wie das im Prädikat genannte Geschehen (Haupthandlung) verläuft, also während der Zeit der Haupthandlung andauert; darum heißt es ‚Partizip der Gleichzeitigkeit’ (im Passiv gibt es beim Lateinischen kein Partizip der Gleichzeitigkeit.).
Beispiel:
Participium coniunctum: Servi ab Ulixe regiam suam intrante salutantur. – Die Knechte werden von dem seine Königsburg betretenden Odysseus begrüßt.
Das Betreten der Königsburg und das Begrüßen geschehen gleichzeitig.
Besonders deutlich wird diese Gleichzeitigkeit, wenn man das Partizip und seine Ergänzung mit einem Temporalsatz übersetzt: Die Knechte werden von Odysseus begrüßt, während er seine Königsburg betritt.
Den deutschen adverbialen Gliedsatz, mit dem der Ablativus absolutus in einem ersten Schritt übersetzt wird, leitet man ebenfalls mit ‚während’ ein, wenn das Partizip des Ablativus absolutus ein Partizip Präsens ist: Caesare saluti exercitus providente ... – Während Cäsar für das Heil des Heeres sorgte, ...

Bei der Betrachtung des Zeitverhältnisses ist es gleichgültig, ob beide Geschehnisse gegenwärtig oder ob beide vergangen sind; wesentlich ist, dass sie gleichzeitig, also beide zugleich gegenwärtig oder zugleich vergangen sind.
Gleichzeitigkeit in der Vergangenheit: Servi ab Ulixe regiam suam intrante salutati sunt. – Die Knechte wurden von dem seine Königsburg betretenden Odysseus gegrüßt.
Da das Partizip Präsens ein Zeitverhältnis ausdrückt und nicht eine Zeit an sich (absolute Zeit, hier: Gegenwart), nennt man es ‚zeitlich neutral’.

3. Das Partizip Präsens Aktiv als Verbaladjektiv
Das PPA ist eine nominale Form des Verbs, also ein von einem Verb gebildetes Nomen, und zwar ein Adjektiv (Verbaladjektiv). Es wird also wie ein adjektivisches Attribut bzw. Praedicativum zu einem Substantiv oder Pronomen gesetzt und richtet sich in Fall, Zahl und Geschlecht nach diesem seinem Beziehungswort: navigio praetervolanti – dem vorbeifahrenden Schiff.

Achtung: Manchmal bezieht sich das Partizip auf das Subjekt des Satzes, das im Lateinischen im Prädikat enthalten ist und im Deutschen mit dem Personalpronomen übersetzt wird.
Beispiel:
Servos salutans regiam suam intravit (das ‚salutans’ bezieht sich auf das –t von intravit). – Die Knechte grüßend betrat er seine Königsburg.



II. Das Partizip Perfekt Passiv

1. Bildung und Deklination
Das Partizip Perfekt Passiv wird gebildet mit dem Kennzeichen -t-, das an den Stamm angehängt wird. An dieses Kennzeichen werden die Kasusendungen der a/o-Deklination angehängt: laud-a-t-us, a, um.

Bei vielen Verben lautet der Stamm, an den beim PPP das –t angehängt wird, anders als der Stamm, an dem z. B. die Personalendungen des Präsens angehängt werden, der darum Präsensstamm heißt. Dieser andere Stamm wird Partizip- oder Perfektstamm genannt und muss gesondert gelernt werden.

2. Die Funktion im Satz (Zeitverhältnis)
Auch dieses Partizip ist zeitlich neutral, es drückt also keine absolute Zeit aus, sondern lediglich das zeitliche Verhältnis zur Haupthandlung. Das in ihm genannte Geschehen liegt vor der Zeit der Haupthandlung, ist also zu Beginn der Haupthandlung schon abgeschlossen, vollendet; darum heißt es Partizip der Vorzeitigkeit.

Zum deutschen Gebrauch (für grammatisch besonders Interessierte)
Das entsprechende deutsche Partizip ist
a) nicht aufs Passiv und
b) auch nicht auf die Vorzeitigkeit beschränkt; man sagt deshalb auch besser ‚Zweites Partizip’ (Partizip II) anstatt Partizip Perfekt – entsprechend nennt man das Partizip Präsens ‚Partizip I’.

zu a)
Bei transitiven Verben hat das Partizip II in der Regel passivische, bei intransitiven Verben in dar Regel aktivische Bedeutung.
Beispiele
transitiv: der gehasste Feind
intransitiv: die untergegangene Sonne

Achtung: Lateinische intransitive Verben bilden kein PPP.

zu b)
1. Das Partizip II der deutschen imperfektiven transitiven Verben ist ein Partizip der Gleichzeitigkeit; es ist also das passivische Gegenstück zum Partizip Präsens Aktiv.

Erklärung: Imperfektive Verben (auch durative Verben genannt) sind Verben, deren Geschehen unvollendet (imperfekt) ist, also andauert (durativ ist); z. B. wohnen, essen, schlafen, frieren.

Beispiele für Partizip II der imperfektiven Verben:
Er pflegte das geliebte Kind. (Das Kind wird geliebt, während er es pflegt, also Gleichzeitigkeit).
Ein von zwei Lokomotiven gezogener Zug fuhr in den Bahnhof ein (‚gezogen werden’ und ‚einfahren’ sind gleichzeitige Geschehnisse.)

Diesen Gebrauch kennt man in wenigen Fällen auch beim lateinischen Partizip Perfekt Passiv, wenn nämlich die Partizipien wie normale Adjektive verstanden werden: z. B. speratus – erhofft; laudatus – löblich, contemptus – verächtlich.
Ansonsten muss im Lateinischen die Gleichzeitigkeit im Passiv durch einen Nebensatz ausgedrückt werden: Wir gehen zu einer von Barbaren bewohnten Stadt. - Adimus urbem, quae a barbaris incolitur.
Falsch wäre: urbem a barbaris incultam, denn ‚urbs inculta’ ist nicht eine von Barbaren bewohnte Stadt, sondern eine Stadt, die früher einmal von Barbaren bewohnt war.

Es ist also für das Latein grundsätzlich zu merken:
Das Partizip Perfekt ist ein Partizip der Vorzeitigkeit und hat immer nur passivische Bedeutung, also: PPP, Partizip Perfekt Passiv.
Mit Formen von ‚esse’ bildet es Perfekt, Plusquamperfekt und Futur II des Passivs.

Noch einmal zum deutschen Gebrauch:
Das Partizip II der deutschen perfektiven Verben gibt an, dass ein Geschehen schon vollendet ist; doch im Gegensatz zum Lateinischen gibt es - wie das deutsche Perfekt – auch noch an, dass das Ergebnis des vollendeten Geschehens noch in die Zeit der Haupthandlung nachwirkt.

Erklärung: Perfektive Verben sind Verben, die eine zeitliche Begrenzung (Beginn oder Ende) des Geschehens ausdrücken, z. B. besteigen, verblühen, erfrieren.
Beispiel für Partizip II der perfektiven Verben: Sie rollten ein gefülltes Fass auf die Straße.
Das zur Fäulnis übergegangene Fleisch ist ungenießbar (‚übergehen’ ist ein intransitives Verb; das Partizip II ‚übergegangen’ hat also aktivische Bedeutung.).



III. Das Partizip Futur Aktiv

Dieses Partizip fehlt im Deutschen; es kann darum nur durch Umschreibungen übersetzt werden; diese Umschreibungen ergeben sich aus seiner Bedeutung (siehe dort).

1. Bildung und Deklination
Vom PPP (laudatus, a, um) streicht man die Kasusendung ab (laudat-) und hängt -urus, a, um an (laudat-urus, a, um).

2. Bedeutung
Das Partizip Futur Aktiv steht zur Haupthandlung im Verhältnis der Nachzeitigkeit, und zwar mit einer besonderen Bedeutungsnuance:
Es drückt aus, dass etwas in naher Zukunft geschieht, und zwar in dem Sinn,
dass das Geschehen schon geplant, bestimmt, beabsichtigt ist,
dass man gerade dabei ist, das, was im Partizip steht, zu tun,
dass man es gerade tun will, im Begriff ist, es zu tun (man steht kurz davor),
dass man sich anschickt, es zu tun.
Eine erste ‚wörtliche’ Übersetzung: sich anschickend, es zu tun.

Beispiele:
Hamilcar exercitum in Hispaniam traiecturus deis sacrificavit. – Hamilkar, sich anschickend (der sich anschickte, der plante, der die Absicht hatte), das Heer nach Spanien überzusetzen, opferte den Göttern.

Iugurtha Roman urbem mature perituram appellavit. – Iugurtha nannte Rom eine Stadt (doppelter Akk.), die sich anschickte, frühzeitig unterzugehen, der bestimmt war, frühzeitig unterzugehen.
(Die wörtliche Übersetzung ist oft nicht günstig, darum hier die Relativsätze)

3. Die Funktion im Satz
Das Partizip Futur Aktiv hat drei Funktionen:
a)
Es ist Attribut bzw. Praedicativum und richtet sich in Fall, Zahl und Geschlecht nach seinem Beziehungswort.
Die oben dargestellte Bedeutung des Partizips bleibt erhalten.
Beispiel:
Caesari (Dativ Sg. m.) in Britanniam navigaturo (Dativ Sg. m.) complures nationes Gallorum aderant. Übersetzung dieser Participium coniunctum-Konstruktion mit Temporalsatz: Als Caesar sich anschickte, nach Britannien zu segeln, halfen ihm mehrere Stämme der Gallier.
b)
Es ist Prädikatsnomen und bildet zusammen mit einer Form von esse das Prädikat; es richtet sich also in Fall, Zahl und Geschlecht nach dem Subjekt. Wie bei a) bleibt die oben dargestellte Bedeutung des Partizips erhalten.
Beispiel: Nunc Italiam visitaturus sum – Jetzt bin ich dabei (habe ich gerade vor), Italien zu besuchen - will ich gerade Italien besuchen.

c)
Es bildet zusammen mit ‚esse’ den Infinitiv Futur.
Auch in diesem Zusammenhang kann es die oben dargestellte Bedeutung haben; meist aber geht diese Bedeutung verloren und es vertritt mit ‚esse’ den Infinitiv des normalen Futurs: laudaturum, am, um esse – loben werden; mit dieser Bedeutung häufig im AcI gebraucht



IV. Das Partizip Futur Passiv
siehe über das Gerundivum



V. Übersicht



  Aktiv Passiv
gleichzeitig sowohl im Lat. wie im Dt.: agricola arans –
der pflügende Bauer
im Dt. bei imperfektiven Verben: das geliebte
Kind; der gehasste Feind;
im Lat. selten: laudatus = löblich
vorzeitig nur im Dt. bei intransitiven Verben:
untergegangen;
das in Fäulnis übergegangene Fleisch
im Lat.: ager aratus – der umgepflügte Acker
(das Pflügen ist schon abgeschlossen,
vollendet)
im Dt.: bei perfektiven Verben ebenso, aber
mit der zusätzlichen Bedeutung, dass das
Ergebnis noch nachwirkt (das gefüllte Fass)
nachzeitig nur im Lat.: agricola araturus – der Bauer,
der sich anschickt zu pflügen
im Lat. als Prädikatsnomen und als
Praedicativum: Ager arandus est
(Prädikatsnomen). – Der Acker muss
gepflügt werden.
im Deutschen nur als Attribut: ein nicht zu
billigender Schritt


Der Ablativus absolutus

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