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Der AcI - (Accusativus cum Infinitivo)

Beispiel: Ich sehe die Bäume blühen

Das Prädikat ‚sehe’ hat als Objekt bei sich: ‚die Bäume’ (wen sehe ich? die Bäume).

Ich sehe aber nicht nur die Bäume an und für sich, sondern ich sehe sie während eines bestimmten Vorgangs bzw. Zustands; ich sehe sie, während sie blühen; ich sehe also auch das Blühen.

Von 'sehen' sind also zwei Objekte abhängig:
1. das Nomen ‚Bäume’
2. der Infinitiv ‚blühen’

Diese beiden Objekte geben den Inhalt dessen wieder, was ich sehe. Der Gliedsatz mit ‚dass’, zu dem sie erweitert werden können, heißt darum ‚Inhaltssatz’: Ich sehe, dass die Bäume blühen.

Dieser Inhaltssatz heißt auch ‚abhängiger Aussagesatz’, weil in ihm eine von ‚ich sehe’ abhängige Aussage über die Wirklichkeit gemacht wird. Er heißt auch ‚Objektsatz’, weil der gesamte Satz die Antwort auf die Frage ‚wen oder was sehe ich?’ ist.

Diese Satzkonstruktion, bei der der Inhalt des Sehens, Hörens (Ich höre die Vögel singen.), also der Wahrnehmung durch zwei Objekte (Nomen im Akkusativ und Infinitiv) wiedergegeben wird, ist auch im Lateinischen bekannt; sie wird in der lateinischen Grammatik als Accusativus cum Infinitivo, kurz: AcI bezeichnet und wird im Latein weit häufiger als im Deutschen verwendet.
'Ich sehe die Bäume blühen' heißt also:
Video arbores (Akk.) florere.

Häufiger ist diese Konstruktion im Lateinischen aus vier Gründen:

1. Im Lateinischen werden nicht nur die Inhalte der Wahrnehmung durch die beiden Objekte (Nomen und Infinitiv) ausgedrückt, sondern auch die Inhalte des Sagens, Fühlens, Denkens und Feststellens.
Im AcI steht also der Inhalt dessen, was gesagt, gedacht, wahrgenommen, gefühlt oder festgestellt wird.
Wird im Lateinischen z. B. etwas versichert, bekräftigt, so wird der Inhalt dieser Versicherung mit Hilfe der beiden Objekte wiedergegeben:
Affirmo arbores florere.
wörtlich: Ich versichere die Bäume blühen.
Im Deutschen ist, wie man sieht, die Wiedergabe des Inhalts mit Hilfe der beiden Objekte (Bäume, blühen) nicht mehr möglich; möglich ist nur ein vollständiger Dass-Satz:
Ich versichere, dass die Bäume blühen.

2. Weil im Lateinischen diese Konstruktion also häufiger gebraucht wurde, hat sie sich verselbständigt und wurde nun auch zu Verben gesetzt, die kein Akkusativ-Objekt bei sich haben können (also zu intransitiven Verben).
Beispiel:
'constat' heißt: es steht fest, es ist bekannt.
Hier kann nicht gefragt werden: wen steht fest?; bei constat steht also kein Akkusativ-Objekt. Trotzdem kann im Lateinischen der Inhalt dessen, was feststeht (bekannt ist) mit Hilfe der beiden Objekte (Nomen und Infinitiv) formuliert werden:
Constat arbores florere.
Im Deutschen ist wieder nur der Dass-Satz möglich:
Es steht fest (ist bekannt), dass die Bäume blühen.
In diesem Fall heißt der Dass-Satz (Inhaltssatz; Aussagesatz) auch ‚Subjektsatz’, weil nach diesem Satz gefragt wird: ‚wer oder was steht fest?’.

3. Da der Infinitiv als nominale Form des Verbs (Verb in der Funktion eines Nomens) in seiner verbalen Funktion auch Objekte und adverbiale Bestimmungen bei sich haben kann, kann die AcI-Konstruktion im Lateinischen noch durch Objekte oder adverbiale Bestimmungen - oder beides -, die zum Infinitiv gehören, erweitert werden.
Beispiel: Video puellas cenam cito parare.
(Dieser Satz hat also zwei! Akkusative.)
wörtlich: Ich sehe die Mädchen das Essen schnell bereiten.
Mit Dass-Satz: Ich sehe, dass die Mädchen das Essen schnell bereiten.

Der AcI mit seinen Erweiterungen ähnelt also sehr einem vollständigen Satz und ist von den Latein Sprechenden vermutlich auch so empfunden worden. Der Akkusativ (puellas) wäre dann das Subjekt, der Infinitiv – bisher: zweites Objekt - das Prädikat dieses Satzes. Der zweite Akkusativ dieses Satzes - cenam - ist Objekt zum Infinitiv parare.
Der Akkusativ, der als Subjekt gilt (entsprechend dem Subjekt des Dass-Satzes), wird Subjekt-Akkusativ genannt; der Akkusativ, der das zum Infinitiv gehörende Objekt ist, heißt entsprechend: Objekt-Akkusativ.Welcher Akkusativ Subjekt und welcher Objekt ist, muss vom Sinn her entschieden werden.

Die Ähnlichkeit des AcI mit einem vollständigen Satz erleichtert seine Umformung in den deutschen Dass-Satz:
1. Der Subjekt-Akkusativ des AcI wird zum Subjekt des Dass-Satzes: Ich sehe, dass die Mädchen ...
2. Der Infinitiv wird zum Prädikat: Ich sehe, dass die Mädchen ... bereiten.
3. Objekt-Akkusativ und adverbiale Bestimmung, die der Infinitiv bei sich haben kann, bleiben unverändert; sie werden zu Objekt und adverbialer Bestimmung des Prädikats: Ich sehe, dass die Mädchen das Essen schnell bereiten. Das gilt auch für weitere Ergänzungen und Beifügungen im AcI, z. B. Dativ-Objekt und Genitiv-Attribut: Ich sehe, dass die Mädchen den Freunden der Eltern das Essen schnell bereiten. – Video puellas amicis parentum cenam cito parare.
Bei der Rückübersetzung ins Latein kommt also das Subjekt des Dass-Satzes in den Akkusativ, das Prädikat in den Infinitiv; alles übrige bleibt unverändert.

4. Die AcI-Konstruktion ist im Lateinischen auch deshalb weit häufiger als im Deutschen, weil sie im Lateinischen auch dann steht, wenn der Inhalt der Wahrnehmung und des Sagens, Fühlens, Denkens passivisch formuliert ist: Video cenam parari.
Wieder muss der Akkusativ als Subjekt und der Infinitiv als Prädikat aufgefasst werden: Ich sehe, dass das Essen bereitet wird.

Über die Zeitverhältnisse beim AcI
Ich kann etwas wahrnehmen, sagen, fühlen denken
1. was im Augenblick der Wahrnehmung (des Sagens, Fühlens, Denkens) geschieht:
Ich sehe, dass die Mädchen das Essen bereiten. Wir sprechen von Gleichzeitigkeit der Aussage des AcI mit der des übergeordneten Verbs (video).

2. was schon geschehen und vollendet ist:
Ich sehe, dass die Mädchen das Essen bereitet haben. Wir sprechen von Vorzeitigkeit; das, was im AcI ausgesagt wird, liegt zeitlich vor dem, was im übergeordneten Verb ausgesagt wird.

3. Ich kann etwas sagen, fühlen, denken, was noch geschehen wird:
Ich hoffe, dass die Mädchen das Essen bereiten werden (Im Deutschen genügt hier Präsens: dass die Mädchen ... bereiten.). Wir sprechen von Nachzeitigkeit.

A c h t u n g: An diesen Zeitverhältnissen ändert sich n i c h t s, wenn die Sätze in die Vergangenheit gesetzt werden:
1. Gleichzeitigkeit: Ich sah, dass die Mädchen ... bereiteten.
2. Vorzeitigkeit: Ich sah, dass die Mädchen ... bereitet hatten.
3. Nachzeitigkeit: Ich hoffte, dass die Mädchen ... bereiten würden.

In der lateinischen Sprache wird beim AcI
1. die Gleichzeitigkeit durch den Infinitiv Präsens (besser: Infinitiv der Gleichzeitigkeit),
2. die Vorzeitigkeit durch den Infinitiv Perfekt (Infinitiv der Vorzeitigkeit),
3. die Nachzeitigkeit durch den Infinitiv Futur (Infinitiv der Nachzeitigkeit) ausgedrückt.

Beispiele:
1. Ich sehe (sah), dass die Mädchen das Essen bereiten (bereiteten). - Video (videbam) puellas cenam parare.
(Achtung: Am Infinitiv ändert sich nichts, wenn ich ‚videbam’ schreibe, weil er nicht eine Zeit, sondern ein Zeitverhältnis – hier: Gleichzeitigkeit – ausdrückt!)
2. Ich sehe (sah), dass die Mädchen ... bereitet haben (hatten). – Video (videbam) puellas cenam paravisse.
3. Ich hoffe (hoffte), dass die Mädchen ... bereiten werden. – Spero (sperabam) puellas cenam paraturas esse.

A c h t u n g: Da im Lateinischen der AcI als vollständiger Satz empfunden wird, bei dem also der Akkusativ Subjekt und der Infinitiv Prädikat ist, gilt auch beim AcI die Regel, dass sich das Prädikat in Fall, Zahl und Geschlecht nach seinem Subjekt richtet. Fall, Zahl und Geschlecht des Infinitivs wird aber nur beim Infinitiv Futur Aktiv, Infinitiv Perfekt Passiv (paraturum esse, paratum esse) und beim Prädikatsnomen (bei esse) deutlich.
Der Satz ‚Ich hoffe, dass das Mädchen (der Junge) das Essen bereiten wird.’ muss also übersetzt werden: Spero puellam (puerum) cenam paraturam (paraturum; Akk. Sg. mask.!) esse.
Ich sehe, dass die Mädchen froh sind. – Video puellas laetas esse. – ‚froh sind’ ist nominales Prädikat, bestehend aus dem Prädikatsnomen (Prädikatsadjektiv) ‚froh’ und dem Hilfsverb ‚sein’.

Beispiele für Infinitiv Passiv:
1. gleichzeitig: Ich sehe (sah), dass das Essen bereitet wird (wurde). – Video (videbam) cenam parari.
2. vorzeitig: Ich sehe (sah), dass das Essen bereitet worden ist (war). – Video (videbam) cenam paratam! esse. (Das Prädikat ‚paratam esse’ richtet sich nach seinem Subjekt ‚cenam’ in Fall, Zahl und Geschlecht.)
3. nachzeitig: Ich hoffe (hoffte), dass das Essen bereitet werden wird. – Spero (sperabam) cenam paratum iri.
Achtung: Hier ändert sich ‚paratum’ nicht, weil es im Zusammenhang mit ‚iri’ nicht dekliniert wird.

Über das Reflexivpronomen im AcI siehe ‚Über den Ersatz des nichtreflexiven Possessivpronomens der 3. Person durch den Genitiv des Demonstrativpronomens is, ea, id’



2. Der NcI / 4. Relativische Verflechtung

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