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Alfred Schnittke
(1934 – 1998)

Klavierquintett 1972/76

Moderato
In Tempo di Valse
Andante
Lento
Moderato pastorale

Schnittke bezeichnet seinen Kompositionsstil als ‚Polystilistik‘; durch sie entstehe „ein neuer musikalischer Raum und eine dynamische Formgestaltung wird wieder ermöglicht, die durch Überholung des tonalen Denkens im Laufe der Avantgarde-Entwicklung unmöglich geworden war“ (Schnittke zu seiner 2. Violinsonate aus dem Jahr 1968). Durch das Konzept der Polystilistik kann er das Neue (Atonale) in einer Weise mit dem Traditionellen verknüpfen, dass kein Stilbruch entsteht: „Es bleibt beides (der traditionelle Dreiklang und die Klänge atonaler Ordnung) erhalten als kontrastierende Elemente, die sich im Gleichgewicht gegenüberstehen.“ (a.a.O.)

Sein Klavierquintett begann Schnittke 1972 unmittelbar nach dem Tode seiner Mutter; erst vier Jahre später wurde es vollendet. Über den Entstehungsprozess äußerte sich Schnittke 1982 in einem Interview: "In der Nacht zum 17. September 1972 starb meine Mutter Maria Vogel an einem Schlaganfall. Meine Absicht, eine Gedenkkomposition schlichter ... Prägung zu schreiben, stellte mich vor ein fast unlösbares Problem. Ich komponierte den ersten Satz, und hatte dann Schwierigkeiten. Über viele Jahre konnte ich das Stück nicht weiterführen ... denn ich musste das, was ich schrieb, aus imaginären Klangräumen … in einen psychologisch realen Lebensraum führen, wo quälender Schmerz fast unernst wirkt ...“ (Zu deuten ist diese Bemerkung wohl so, dass das Werk in Schnittkes Geist in seiner ganzen Wahrheit vorhanden war, dass aber durch das Hinschreiben, durch die Arbeit des Komponierens, aus diesem tiefen Ernst etwas Spielerisches wurde; das Realisierte entsprach nicht der Wahrheit des Gefühlten.) Außer dem ‚Fünften Satz‘ bezeichnet Schnittke das Werk als „Klangereignisse“, die „nur Schattenreste einer bereits entschwundenen tragischen Empfindung sind“.

„Es gab eine Menge Varianten und Entwürfe, die zum Teil in der Schattenwelt der unrealisierten Skizzen begraben blieben, während andere später weiter ausgearbeitet wurden. So entstand noch während der Arbeit am Quintett aus nicht verwendetem Material eine selbständige Requiem-Komposition.“ (Dieses Requiem war 1975, also noch vor dem Quintett, beendet.)
„Erst 1976 ging es voran, nachdem ich den zweiten Satz gefunden hatte: einen B A C H - Walzer.“ (Schnittke hatte ihn schon früher komponiert, als Musik zu Puschkins ‚Eugen Onegin‘.).

Die fünf Sätze folgen (nach Fermaten) unmittelbar aufeinander.
Im Ersten Satz beginnt die dreißigtaktige Pianissimo-Einleitung des Klaviers mit einem aus den fünf Tönen cis - d - cis - his – cis bestehenden Motiv - eine ‚Umkreisung‘ des Tones cis von seinen benachbarten Halbtönen. Diese Umkreisung bleibt ein zentrales Motiv des ganzen Werks. Nach dieser Einleitung entfalten sich die Streicher in einem großen Crescendo, während im Klavier ein hohes G erklingt, das an vergehende und verlöschende Zeit erinnert.

Der Zweite Satz ist der höchst beeindruckende „melancholische Walzer“ (Schnittke) über B A C H. Dem stehen entgegen die Cluster der Streicher, die teilweise mit Viertelton-Intervallen den realen Schmerz ausdrücken, der sich gegen die Melancholie des Walzers durchsetzt; das Klavier hat dem Schmerz schließlich nur noch Walzerakkorde entgegenzusetzen.

Der Dritte Satz beginnt wie der Erste mit dem ein wenig abgewandelten zentralen ‚Umkreisungsmotiv‘ (D - Es - D – Cis). Im weiteren Verlauf dominieren die Viertelton-Intervalle der Streicher; die zweite Hälfte des Satzes ist wie im ‚Ersten Satz‘ bestimmt durch das Klopfen der Zeit. Die Streicher vollziehen über diesem Klopfen eine gewalttätige Steigerung, die abgebrochen wird von einem klaren Dur-Akkord des Klaviers. Dem folgt ein Abfallen, das mit dem Klopfen schließlich nur noch auf das Pedal endet.

Über den Vierten Satz schreibt J. Köchel, er sei ein „sich vom Pianissimo zum äußersten Fortissimo entwickelnder verzweifelter Ausbruch“. Wichtig wird wieder das Zentralmotiv Cis - D - Cis - His - Cis und auch am Ende das unerbittliche Pochen der Zeit.

Um so tröstlicher wirkt das 14 Mal sich wiederholende lieblich-pastorale Passacaglia-Thema des Klaviers im kurzen Fünften Satz - ein sanfter Ausklang; und man gewinnt gerade durch den Schluss dieses Quintetts, der - wie sein Beginn - dem Klavier alleine vorbehalten ist, den Eindruck, als vertrete im Sinne der polystilistischen Mischung das Klavier in diesem Quintett häufig mit traditionelleren Klängen den tröstlichen Part, während die Streicher mit unkonventionellen Klängen die schmerzlichen Erfahrungen ausdrücken; die Möglichkeit der Vierteltonschritte mag dabei als eine Intensivierung des Ausdrucks der Klage zu verstehen sein, nah am Glissando, das von Thomas Mann als die extremste Ausdrucksform der Klage verstanden wurde (‚Doktor Faustus‘).

Drei Jahre später bearbeitete Schnittke das Quintett für Orchester, indem er den Klavierpart auf Bläser und Schlagzeug verteilte.



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