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Claude Debussy
(1862-1918)

Six Épigraphes Antiques
1. Pour Invoquer Pan, Dieu du Vent d'Éte Modéré - dans le style d‘une pastorale
2. Pour un tombeau sans nom Triste et lent
3. Pour que la nuit soit propice Lent et expressif
4. Pour la danseuse aux crotales Andantino (souple et sans rigueur)
5. Pour l'Égyptienne Très modéré
6. Pour remercier la pluie du matin modérément animé

Die Suite der sechs ‚antiken‘ Epigraphen von jeweils zwei bis drei Minuten Länge entstand 1914, also in Debussys später Schaffenszeit; das bedeutet Konzentration auf das Wesentliche, durchsichtige Klarheit, Verzicht auf unmittelbare Verzauberung. Geschrieben ist die Suite für Klavier zu vier Händen. Anregen ließ sich Debussy durch Gedichte von Pierre Louÿs, der seine ‚Chansons de Bilitis‘ als Verse der pamphylischen Hirtin, Priesterin und Kurtisane Bilitis aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. ausgab (daher die Beifügung ‚antiques‘). Er habe sie lediglich ins Französische übertragen.

I. Pour Invoquer Pan, Dieu du Vent d'Éte - Beim Anrufen von Pan, dem Gott des Sommerwinds
In schlichter, zarter Tonsprache wird ein Naturidyll aufgezeigt. Das 5-Ton-Motiv, das den ersten Teil des Épigraphs bestimmt, ist wie geschaffen für die Flöte des Pan,



Épigraphe 1



so wie sie aus ‚Prélude à l'après-midi d'un faune‘ bekannt ist. Die Harmonien sind frei von der Festlegung auf Dur und Moll; Debussy greift zurück auf ältere, antike Tonarten. Im zweiten Teil (un peu plus mouvemonté) weht der Sommerwind ein wenig heftiger, und mit einer Coda von wenigen Takten kehrt die Musik zur zarten Idylle des Beginns zurück.

II. Pour un Tombeau sans Nom - Bei einem Grabmal ohne Namen
Die Flöte des Pan ertönt auch im zweiten Epigraph.



Épigraphe 2



Aber dieses Epigraph (Aufschrift) ist hier eine Grabinschrift, ein Epitaph. Für dessen gesamte Tonsprache gilt, was kurz vor dem Ende als Spielvorschrift angegeben ist: ‚comme une plainte lointaine‘ – ‚wie eine weit entfernte Klage‘. Die Harmonien wirken fremder, ‚moderner‘ als die des ersten Epigraphs.

III. Pour que la Nuit Soit Propice – Auf dass die Nacht angenehm sei
Das dritte Epigraph lebt von nur einem Motiv



Épigraphe 3



und von dem, was sich aus diesem Motiv entwickelt, im zweiten Teil durch Akkordfolgen, die für Debussy typisch sind und deren Verbindung eine individuelle und nicht eine nach den traditionellen Regeln ist. Schon als Schüler auf dem Konservatorium wollte er – zum Erschrecken seiner Lehrer - den Akkord emanzipieren, aus dem Verbund, in den er der Tradition nach gehört, herausnehmen. Die Glissandi, mit denen dieses Epigraph ausklingt, erinnern – wie auch in den folgenden Stücken - an das Leichte, duftig Schwirrende impressionistischer Bilder.

IV. Pour la Danseuse aux Crotales - Für die Tänzerin mit den Kastagnetten
Manche Akkorde des vierten Stücks der Suite erinnern an die des Jazz, vor allem im Mittelteil. Es bleibt nicht immer bei der Weichheit, die in der Satzbezeichnung angegeben ist (souple), aber der Klang von Kastagnetten ist nun mal nicht ‚ohne Härte‘ (sans rigueur) - Tout à coup, tu claques des crotales! heißt es bei Louÿs.

V. Pour l'Égyptienne – Für die Ägypterin
Das Auffälligste an diesem Epigraph ist das nahezu im gesamten Stück durchgehende ‚b‘ der Unterstimme, synkopisch versetzt zu den übrigen Stimmen, was zu der besonderen Komplexität des rhythmischen Gefüges beiträgt; auffällig auch die Spielanweisung ‚aussi doux que possible‘ (so zart wie möglich). Die Zweiunddreißigstel-Figuren der Oberstimme klingen orientalisch. Bei Louÿs ist zu lesen, dass eine ägyptische Kurtisane auf Zypern gemeint ist.

VI. Pour Remercier la Pluie du Matin –Beim Dank für den morgendlichen RegenSich den Regen bei der Musik des letzten Epigraphs vorzustellen, fällt leicht, und leicht lässt sich nachvollziehen, dass es ein angenehmer Regen ist. Wieder heißt die Spielanweisung ‚doux‘, ergänzt nun mit ‚monotone‘. Die Dynamik bewegt sich zwischen Piano und Pianissimo. Das, was im Grunde die gesamte Suite auszeichnet, die Zartheit dieser Musik, ist in ihrem letzten Stück ins Extreme gewendet; ‚extrêmement doux‘ heißt denn auch eine der Spielanweisungen. Noch einmal Louÿs: La pluie fine a mouillé toutes choses, très doucement, et en silence – Der zarte Regen hat alles benetzt, sehr behutsam und in Stille.

August 2014



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