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L. v. Beethoven
(1770-1827)

Streichquartett F-Dur op. 135

Allegretto
Vivace
Lento assai, cantante e tranquillo
Der schwer gefasste Entschluss: Grave ma non troppo tratto - Allegro

Bei dem Quartett op. 135 kommen die griffigen Adjektive wie heiter, ernst, dramatisch, mit denen man sich sonst hilft, den Charakter von Musik zu bestimmen, nicht so recht in den Sinn. Diese Musik, das letzte vollständig ausgeführte Werk des schon zum Sterben kranken Beethoven, hat etwas Absolutes an sich, wirkt losgelöst von den Berührungen des Leben, ein Werk, das es wert ist, Beethovens Schaffen zu beschließen und zu krönen.

Komponiert wurde op.135 im Jahr 1826, und obwohl es Beethovens letztes abgeschlossene Werk ist, zeigt es seltener den typischen Spätstil (siehe zu op. 132).

Die Bratsche intoniert das erste Motiv des Ersten Satzes,



Streichquartett op. 135 Satz 1 Eingangsmotiv



aus dem sich in durchbrochenem Satz (auf verschiedene Instrumente verteilt) aller 4 Stimmen das erste Thema entfaltet. Das Nachspiel zu diesem Thema wird eingeleitet mit einem Unisono aus abfallender Septime und abfallender Sekunde. Diesem Motiv folgen leichte, an Barockstil gemahnende spielerische Figuren, die zum zweiten durch Dreiklangbrechungen gebildeten Thema führen:



Streichquartett op. 135 Satz 1 Seitenthema



Der zweite Teil des Satzes beginnt mit dem Motiv der abfallenden Intervalle und verspinnt dieses Motiv mit dem Bratschen-Motiv des Beginns zu einem köstlichen polyphonen Geflecht, zitiert dann kurz das erste Thema und drängt mit einem reizenden, sich steigernden Spiel von Sechzehntel- zum 3. Teil des Satzes hin. Nach der Tradition wiederholt der dritte Teil den ersten. Hier aber ist die ‚Wiederholung‘ so sehr verändert, dass mit den Themen und Motiven des ersten Teils gleichsam ein neuer Satz entsteht.

Das Cello trägt staccato das einfache Thema des Vivace (ein Scherzo-Satz) vor:



Streichquartett op. 135 Satz 2 Scherzo-Thema



„Darüber dann hakelige Synkopenverzahnungen, die dem Satz eine leicht widerborstige Sprödigkeit verleihen.“ (Reclam)
Den Mittelteil des Scherzos bestimmt ein Tonleitermotiv:



Streichquartett op. 135 Satz 2 Mittelteil



Die ersten fünf Töne dieses Motivs (Kopfmotiv) werden am Ende des Mittelteils von zweiter Geige, Bratsche und Cello unisono achtundvierzig Mal wiederholt (Ostinato) und bilden mit diesem hartnäckigen, polternden, fast rasenden Ostinato die Grundlage für die erste Geige, die in ungewöhnlich weiten Intervallsprüngen mit ihrer Tanzfigur immer höhere Höhen erklimmt - Musik von einer ekstatischen Sinnlichkeit, wie sie in der osteuropäischen Volksmusik noch durchscheint.

Ungemein ergreifend ist der Langsame Satz, gleichsam schon aus dem Jenseits klingend; Beethoven notiert in seinem Skizzenbuch: „Süßer Ruhegesang oder Friedensgesang“. Ein im Grunde schlichtes Thema von zehn Takten wird vier Mal variiert nach dem Prinzip von Nähe und Ferne zum Thema: Die erste und dritte Variation bleiben in der Nähe zum Thema, steigern es durch eine emphatische Veränderung der Melodielinie (1. Var.) und durch verdichtete Begleitung und Intensivierung der harmonischen Farbigkeit; im Cello erklingt das Thema nahezu unverändert (3. Var.). Die zweite und vierte Variation lassen den Bezug zum Thema kaum erkennen; der Ausdrucksgehalt bleibt aber der gleiche.

Das Absolute dieser Musik zeigt sich auch bei den Versuchen, den letzten Satz zu deuten. Beethoven setzt dem Satz die Worte „Der schwer gefasste Entschluss“ voran, dann stellt er die den Satz bestimmenden Motive vor und unterlegt sie mit Text:



Streichquartett op. 135 Satz 4



Das ‚Grave‘ des ‚Muss es sein?‘ zu Beginn und in der Mitte des Satzes lässt ohne weiteres an tragische, das Wesen des Menschen im Tiefsten berührende Auseinandersetzungen denken.
Beethoven selbst verweist auf seinen Alltag: Der Verleger Schlesinger erinnert sich an einen verschollenen Brief Beethovens, in dem es heißt, es sei ihm schwer gefallen, dieses Quartett zu schreiben „weil ich an etwas anderes viel größeres (etwa an die 10. Sinfonie, der Verf.) dachte“, er habe es geschrieben, weil er Geld brauchte „und daß es mir hart ankam, können Sie aus dem ‚Es muß sein‘ entziffern“.
Es gibt aber auch Interpreten, die hier humorige Theatralik sehen; sie verweisen auf folgende Geschichte: Ein wohlhabender Musikliebhaber wollte Beethovens Streichquartett op. 130 in seinem eigenen Hause aufführen lassen, woraufhin Beethoven von ihm eine Entschädigung von 50fl. (‚Florene‘ = Goldgulden) für Ignaz Schuppanzigh, den Leiter des Schuppanzigh-Quartetts, verlangte. Der Musikliebhaber antwortete mit einem resignierten „Wenn es sein muß!“, woraufhin Beethoven den Kanon WoO 196 mit dem Titel „Es muß sein, ja, ja, ja, heraus mit dem Beutel! Heraus, heraus, es muß sein!“ verfasste. Der Kanon entstand in zeitlicher Nähe zum Quartett op. 135. Es gibt noch eine weitere Geschichte, aufgezeichnet von Anton Schindler, der seit 1822 Beethoven Sekretärdienste leistete und die erste Beethoven-Biographie geschrieben hat. In dieser Geschichte geht es um das Wochengeld von Beethovens Haushälterin. Beethoven wollte nicht zahlen. Muss es sein?, schrieb der taube Komponist in das Konversationsheft, und ein Bekannter schrieb darauf: Es muss sein. Leider hat Schindler, um mit dieser Geschichte sein Buch schmücken zu können, Seiten des Konversationshefts gefälscht. Vermutlich also eine erlogene Geschichte.
Es bleibt also offen, ob die Frage des ‚Grave‘ an die Haushälterin oder an das Schicksal gerichtet ist.
Die dramatische Musik, mit der das ‚Muss es sein?-Motiv’ in der Einleitung zum Allegro erscheint, ist sicherlich jenseits von Humor und Selbstironie. Das ‚Es muss sein!-Motiv’ wird nach dieser Einleitung zum Kopf des Hauptthemas. Humorvoll ist sicher das volkstümlich-naive, in seiner Einfachheit so reizende und einprägsame Seitenthema, vom Cello eingeführt, von der 1. Violine übernommen:



Streichquartett op. 135 Satz 4 Seitenthema



Und auch im zweiten Teil des Satzes, der das bisher gehörte in neuer, veränderter Weise präsentiert, hat das Seitenthema seinen Auftritt. Und ebenso das Grave-Thema (‚Muss es sein?’): Mit großer heftiger, ja ruppiger Geste bildet es den Schluss dieses zweiten Teils. Und mit ‚Es muss sein!‘ beginnt - zunächst zögerlich - der dritte Teil, der nach der Tradition den ersten wieder aufgreifen sollte. Das tut er auch, aber sehr verkürzt.
Die Coda beginnt mit dem ‚Es muss sein!-Motiv-, aber auf eine Weise, die diese Antwort etwas gequält in Frage stellt. Das köstliche Pizzicato mit dem Nebenthema stellt die Harmonie wieder her, und so endet Beethovens letztes Quartett in versöhnlich-heiterem Ton.

Juni 2019



Streichquartett op. 133 (Große Fuge)

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