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Ludwig van Beethoven
Liederzyklus ‚An die ferne Geliebte’ op. 98

1. Auf dem Hügel sitz ich, spähend
2. Wo die Berge so blau
3. Leichte Segler in den Höhen
4. Diese Wolken in den Höhen
5. Es kehret der Maien, es blühet die Au
6. Nimm sie hin denn, diese Lieder

Der folgend Text ist für ein Konzert geschrieben, in dem auch Schumanns Liederzyklus ‚Dichterliebe’ und seine C-Dur-Fantasie auf dem Programm standen.

Zu Beethoven ‚An die ferne Geliebte’
Zwei Liedzyklen stehen auf dem Programm; gemeinsam ist ihnen das Grundthema: Liebessehnsucht. Der auffallendste Unterschied: Bei Schumann bedeutet Zyklus eine Sammlung von einzelnen Liedern, die zwar inhaltlich und musikalisch in innerem Zusammenhang stehen, von denen aber – mit Ausnahme vielleicht des ersten - jedes für sich steht und auch einzeln gesungen werden könnte. Bei Beethoven bilden die sechs Lieder ein in sich geschlossenes Ganzes; äußeres Merkmal dieser Einheit: Die Verbindung der einzelnen Lieder durch Zwischenspiele.
Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Zyklen der heutigen Matinee: Die von Schumann vertonten Lieder Heines haben ihre eigene literarische Qualität; die unter dem einprägsamen Titel ‚An die ferne Geliebte’ vereinten Gedichte werden erst durch die Musik Beethovens geadelt. Geadelt durch Beethovens Vertonung wird auch deren Autor, Alois Jeitteles: Dieser junge Arzt hatte in Brünn mutig eine Seuche bekämpft; Beethoven sprach ihm seine Anerkennung aus und Jeitteles „schickte ihm darauf seine Gedichte, die Beethoven sogleich komponierte und im Dezember 1816 als Opus 98 veröffentlichte; er hat damit einem Unbekannten für eine gute Tat zum unvergesslichen Ruhm verholfen.“ (W. Oehlmann)
Innige Schlichtheit als Ergebnis höchsten Kunstverstands macht diese Lieder so einmalig; wir wissen zum Beispiel aus den Skizzenbücher, dass Beethoven an der volkstümlich-einfachen Melodie des 1. Lieds lange gefeilt hat. Sie wird in allen fünf Strophen beibehalten, während die Begleitung bei jeder Strophe wechselt. Mit wunderschöner Wirkung weicht Beethoven im 2. Lied von diesem Prinzip des Strophenlieds ab, indem er die Melodie dem Klavier anvertraut und den Sänger auf einem Ton den Text mehr deklamieren als singen lässt. Sehr schön auch die Art, wie die Kurzverse dieses Lieds den Komponisten zu besonderer musikalischer Gestaltung angeregt haben. Im 3. Lied finden die ‚leichten Segler’ und das Bächlein als Liebesboten ihre musikalische Gestalt in der bewegten Klavierbegleitung. Auch die Pralltriller des 4. Lieds weisen auf die ‚leichten Segler’, dieses Mal auf ihr Gezwitscher; dieses Lied ist ausdrücklich „mit viel Empfindung“ vorzutragen; aber das gilt ja für alle diese Lieder. Triller in der Begleitung des 5. Lieds weisen auf die Schwalben, die sich ein Liebesnest bauen. Im letzten Lied, dem Höhepunkt des Zyklus - es spricht vom Lied als Boten der Liebe und von der vereinigenden Kraft der Musik - weicht Beethoven noch einmal vom Prinzip des Strophenlieds ab. Das Dämmrungsrot und das Verglühn des letzten Strahls in der 2. Strophe verlangen eine eigene, musikalisch höchst intensive Deutung. Und auch die große Schluss-Steigerung der 4. Strophe und des Nachspiels – nun mit der Melodie des 1. Lieds, damit sich der Kreis vollendet - sprengt den Rahmen eines Strophenlieds.



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