Géza Frid (1904-1989)
Streichquartett Nr. 4 op. 50a
Quasi improvisando - Allegro marcato Andante cantabile Presto leggiero
Der folgende Text wurde für ein Konzert des Amaryllis Quartetts in der ServiceResidenz Schloss Bensberg am 28. März 2010 geschrieben.
Das Amaryllis Quartett hat sich in besonderer Weise des Komponisten Géza Frid angenommen, ihn sozusagen wiederentdeckt und 2008 bei CovielloClassics als Weltersteinspielung eine CD mit dessen Streichquartetten veröffentlicht. Das booklet dieser CD, an dem sich das Biographische des folgenden Textes orientiert hat, schrieb Lena Wirth, die 2. Geigerin des Quartetts.
Géza Frid, 1904 in Ungarn geboren, studierte Klavier bei Bela Bartók und Komposition bei Zóltan Kodály. Als 25-Jähriger emigrierte er wegen der faschistischen Entwicklung in Ungarn in die Niederlande, wo er während der Besetzung durch Deutschland im Widerstand arbeitete. Seine musikalischen Wurzeln aber hatte er in Ungarn, dessen Folklore wesentlicher Bestandteil seiner Kompositionen war.
Folkloristische Rhythmik und improvisatorisch-zigeunerhafte Episoden prägen auch das 1956 entstandene ‚Vierte Streichquartett‘, eine eigene Umarbeitung seiner Violinsonate op. 50.
An den Primarius einer Zigeunerkapelle erinnert die den Ersten Satz einleitende eindrucksvolle Kadenz, die von interessanten Akkorden unterlegt ist. Ein widerborstiger Rhythmus sorgt für Kontrast. Nach dieser wilden Episode schwebt eine feine Melodie über die ins Piano zurückgenommenen Rhythmen. Die Kadenz des Beginns wird wieder aufgenommen, wieder ein Teil mit widerborstiger Rhythmik, der in ein Glissando mündet, wieder jene feine Melodie, auf schöne Weise variiert. Und ein letztes Mal gibt es eine Kadenz, vom Geflirre der Streicher eingeleitet, und ein letztes Mal die ‚wilde’ Episode, auch sie verändert, bevor ein Glissando die Abschluss-Akkorde des Ersten Satzes einleitet, der von diesem ständigen Wechsel zwischen weichen Kadenzen und harter rhythmischer Fügung lebt.
Das Andante cantabile ist in seinem ersten Teil Musik gewordene Melancholie, gestaltet aus einem einzigen, auf mancherlei Weise abgewandelten Motiv. Dem folgt ein Ausbruch trotziger Verzweiflung – dies aus der Sicht einer Interpretation, die in der Musik Stimmungen erspürt. Aus musikgeschichtlicher Sicht erinnert dieser Teil an Schostakowitsch, der zwei Jahre jünger war als Frid und 1956 an seiner 11. Sinfonie schrieb. Schließlich wird die Melancholie des Beginns wieder aufgegriffen, vermittelt aber nun – vor allem durch das Solo der 1. Violine - eine Ahnung von Trost.
Das ‚Leggiero‘ in der Bezeichnung des Dritten Satzes bedeutet soviel wie ‚leicht‘, ‚ungezwungen‘. Unter anderem ruft der vermehrte Einsatz des Pizzicato den Eindruck der Leichtigkeit hervor. Wieder wird ein einziges Motiv auf vielfältige Weise abgewandelt. So entsteht ein Perpetuum mobile der feinsten Art, nicht wie der Flug einer Hummel, eher wie ein Flug einer ausgelassener Mücke. Im letzten Drittel dieses Vier-Minuten-Stücks aber geht die Ungezwungenheit verloren, das Schwere bedrängt das Leichte und der Versuch der 1. Violine, die Leichtigkeit zurückzugewinnen, wird von den beiden letzten Akkorden weggewischt.
August 2020
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