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Epistula 74 Unabhängigkeit von Schicksalsschlägen
Abitur 1986

Seneca spricht von den untergeordneten (subiecta) und niederen (humilia) Dingen (im Gegensatz zum Höchsten Gut, das im Geistigen beheimatet ist = Summum bonum in animo contineamus); auf diese Dinge verweist er mit ‚Omnia ista‘. Er meint damit die ‚bona‘, die er, weil ihn die Namensgleichheit mit ‚bonum‘ stört, lieber ‚commoda‘ (Annehmlichkeiten, Vorteile) nennen würde.



Omnia ista nobis accedant,
non haereant, ut, si abducentur,
sine ulla nostri laceratione discedant.
Utamur illis, non gloriemur,
et utamur parce tamquam depositis apud nos
et abituris.



Quisquis illa sine ratione possedit, non diu tenuit;
ipsa enim se felicitas, nisi temperatur, premit.
Si fugacissimis bonis credidit, cito deseritur, et,
ut deseratur, affligitur.
Paucis deponere felicitatem molliter licuit:
ceteri cum iis, inter quae eminuere, labuntur,
et illos degravant ipsa, quae extulerant.



[19] Ideo adhibebitur prudentia, quae modum illis
ac parsimoniam imponat, quoniam quidem licentia
opes suas praecipitat atque urget,
nec umquam immodica durarunt
nisi illa moderatrix ratio compescuit.
Hoc multarum tibi urbium ostendet eventus,
quarum in ipso flore luxuriosa imperia ceciderunt,
et quidquid virtute partum erat,
intemperantia corruit.

Adversus hos casus muniendi sumus.
Nullus autem contra fortunam inexpugnabilis murus
est: intus instruamur; si illa pars tuta est,
pulsari homo potest, capi non potest.
Quod sit hoc instrumentum, scire desideras?

[20] Nihil indignetur sibi accidere sciatque illa ipsa,
quibus laedi videtur, ad conservationem
universi pertinere et ex iis esse, quae cursum mundi
officiumque consummant;
placeat homini, quidquid deo placuit;
ob hoc ipsum se suaque miretur,
quod non potest vinci, quod mala ipsa sub se tenet,
quod ratione, qua valentius nihil est,
casum doloremque et iniuriam subigit.
ergänze zu 'ista': bona;
haerere, eo: anhaften, festhängen; abducere:
wegführen, rauben, entziehen; nostri: Genitiv des
Personalpronomen: von uns; laceratio, onis f.:
Verletzung, Beschädigung; gloriari mit Abl.:
sich rühmen, stolz sein auf; parcus: sparsam,
zurückhaltend; ‚deponere apud‘ hier:
bei jemandem etwas hinterlegen, jemandem
anvertrauen, zur Aufbewahrung geben;
'ipsa' ist auf 'se' zu beziehen, obwohl es der Form
nach zu 'felicitas' gehört; das Subjekt zu 'credidit'
und 'deseritur': 'er' (knüpft an den mit 'quisquis'
eingeleiteten Satz an); cito: schnell;
'ut' mit Konj. hier: gesetzt dass, wenn; affligere, o:
niederdrücken, stürzen; ‚eminere (eo, ui) inter‘
hier: hervorragen, sich auszeichnen mit; labi, or:
gleiten, sinken , fallen; degravare: niederdrücken,
zu Boden drücken;

19. parsimonia: Sparsamkeit; praecipitare: stürzen;
durarunt = duraverunt, durare: dauern, von Dauer
sein; moderatrix, icis f.: eine, die mäßigt,
die Mäßigerin; conpescere, o, ui: unterdrücken,
zähmen;

'quarum' ist auf 'luxuriosa imperia' zu beziehen;
intus Adv.: innen; instruere hier: rüsten, ausrüsten,
das Passiv hier reflexiv übersetzen; pulsare:
schlagen; instrumentum hier: Rüstzeug;
Ordne: ‚Quod instrumentum hoc sit‘;
das ‚hoc‘ weist auf den Satz: ‚intus instruamur‘;




20.
nihil hier: in keiner Weise; indignari: unwillig
sein, sich entrüsten, Subjekt: homo;
das Subjekt zum AcI 'sibi accidere' ist zu ergänzen:
'etwas'; pertinere ad: dienen zu; esse ex: zählen zu,
gehören zu; 'mundi' ist (auch) auf 'officium'
(Aufgabe, Bestimmung) zu beziehen; consummare:
vollenden, zur Vollendung bringen;
mirari: bewundern; tenere sub se: unter sich,
unter seiner Herrschaft halten;
subigere, o: bezwingen;


Übersetzung
All diese Güter können an uns herankommen, nicht uns anhaften, damit sie, wenn sie entzogen werden, weichen, ohne uns in irgendeiner Weise zu beschädigen.
Bedienen wollen wir uns ihrer, nicht rühmen; und wir wollen uns ihrer zurückhaltend bedienen gleichsam wie bei uns hinterlegter Dinge und solcher, die uns gleich verlassen.
Jeder, der jene ohne Vernunft besessen hat, der hat sie nicht lange gehalten; selbst nämlich erdrückt sich das Glück, wenn es nicht gemäßigt wird. Wenn er den höchst vergänglichen Gütern vertraut hat, wird er schnell verlassen und, wenn er verlassen wird, gestürzt.
Wenigen war es erlaubt, ihr Glück auf angenehme Weise aufzugeben; die übrigen fallen mit dem, mit dem sie hervorragten, und jene drückt eben das nieder, was sie erhoben hatte.

19. Deshalb wird man Klugheit anwenden, die jenen Maß und Sparsamkeit auferlegen kann, da ja gewiss Zügellosigkeit ihren Reichtum stürzt und bedrängt, und niemals war Maßloses von Dauer, außer die Mäßigerin Vernunft hat es gezähmt.
Dies wird dir das Ende vieler Städte zeigen, deren üppige Macht gerade in der Blüte gesunken ist; und alles, was durch Tüchtigkeit entstanden war, hat Maßlosigkeit gestürzt.
Gegen diese Schicksalsschläge müssen wir gewappnet werden. Gegen das Schicksal aber gibt es keine unbezwingbare Mauer; in unserem Innern wollen wir uns rüsten. Wenn dieser Teil geschützt ist, kann der Mensch geschlagen werden, fortgerissen werden kann er nicht. Was für Rüstzeug das ist, verlangst du zu wissen.

20. In keiner Weise entrüste er sich darüber, dass ihm etwas zustößt, und er wisse, dass gerade jenes, durch das er verletzt zu werden scheint, der Bewahrung des Alls dient und zu dem gehört, was den Lauf des Alls und seine Bestimmung zur Vollendung bringt. Dem Menschen gefalle alles, was Gott gefallen hat.
Eben deswegen bewundere er sich und das Seine, weil er nicht besiegt werden kann, weil er das Übel selbst unter seiner Herrschaft hat, weil er durch Vernunft - es gibt nichts Stärkeres als sie - den Zufall, den Schmerz und das Unrecht bezwingt.

Interpretationsaufgaben Abitur 1986
Verhältnis Übersetzung - Interpretationsaufgaben: 2 : 1

Interpretationsaufgaben und Lösungen

1. Stelle aus dem Text die Formulierungen zusammen, die zum Wortfeld 'fortuna' gehören, und lege dar, welchen Stellenwert für Seneca - nach dem vorliegenden Text - die mit diesem Wortfeld angesprochenen Vorstellungen innerhalb der Stoischen Philosophie haben!
In direktem Zusammenhang mit 'fortuna' stehen: felicitas, casus und das Verb accidere. Zusammenhängende Interpretation: Die Güter des Zufalls sind höchst flüchtig (fugacissimis bonis) und mögliche Ursache von laceratio, dolor und iniuria. Wer auf sie sein Glück (felicitas) setzt, ist verlassen (deseritur), da solches Glück sich selbst zerstört (premit). Darum ist diesen Glücksgütern zu misstrauen, sie sind nur als flüchtige und maßvoll zu nutzen, man darf nicht an ihnen hängen und muss sich innerlich gegen ihren Verlust festigen (nihil indignetur sibi accidere), da der Verlust nicht vermeidbar ist (Nullus autem contra fortunam inexpugnabilis murus est).

2. Vergleiche die besondere Bedeutung, die 'felicitas' in diesem Text hat, mit der Bedeutung, die sich für 'felicitas' sonst bei Seneca als Synonym zu 'beatitudo' findet!
'felicitas' ist in diesem Text nicht der Glückszustand, in dem der Weise sich befindet, der aufgrund seiner Freiheit von allen Bindungen an 'bona fugacissima' zur Seelenruhe gefunden hat (= beatitudo), sondern ein Glückszustand, der sich eben auf diese flüchtigen Güter gründet und, wenn diese Flüchtigkeit nicht ständig berücksichtigt wird, aufgrund der 'fortuna' einen tiefen Fall tun muss von der Höhe des Glücks in die Tiefe des Unglücks, so dass wegen dieser Fallhöhe ein solches Glück sich selbst erdrückt (ipsa enim se felicitas ... premit).

3. Stellen Sie bezüglich des Begriffs 'felicitas', wie er in diesem Text verwendet wird, Beziehungen her zu Orffs Auswahl aus den 'Carmina burana'!
Der Rezeptionsgeschichte der stoischen Lehre vom Glück wurde im Unterricht bis in die Barockzeit nachgegangen; intensiv haften geblieben sind bei den Schülern vermutlich die Lieder über die Fortuna aus den 'Carmina burana'. Die Schüler haben die Fernsehinszenierung von Orffs 'Carmina burana' durch Ponelle gesehen und das Symbol des Glücksrads, das eines der Leitmotive der Inszenierung war, wohl noch vor Augen. Dass nach der Beziehung zwischen den Liedern an Fortuna in den 'Carmina burana' und dem Begriff 'felicitas' gefragt ist und nicht direkt an 'fortuna' (Aufgabe I.) angeknüpft wird, hat seinen Grund darin, dass den Schülern die Gelegenheit gegeben werden soll, die Beziehung zwischen 'fortuna' (Ursache für Wechsel des Glücks) und 'felicitas' (ungesicherter Glückszustand) darzustellen. Freilich ist eine solch genauere Zuordnung nicht ohne weiteres zu erwarten, wenn nämlich der Interpretation der deutsche ambivalente Begriff 'Glück' zugrundeliegt.

4. Charakterisiere innerhalb der Güterlehre Senecas die 'bona' und die Stellung des Menschen zu ihnen, so wie der vorliegende Text dies darstellt!
Die Güterlehre Senecas ist bestimmt durch einen Dualismus von Außen (externa) und Innen (intus). Dabei ist herauszustellen, dass es sich nicht ohne weiteres um einen Unterschied zwischen Böse und Gut handelt, da die 'externa', richtig gebraucht, wertneutral sind (Adiaphora). Ein Übel sind diese Güter nicht, wenn man sie richtig, d.h. mit Maß nutzt (utamur), aber nicht an ihnen hängt (accedant, non haereant), sondern ihnen distanziert gegenübersteht, da sie ja vergänglich sind (depositis; abituris; fugacissimis) und den Menschen verlassen (deseritur) und niederwerfen (adfligitur) können, und nur im Hinblick darauf, daß sie wegen ihrer Zufälligkeit und Flüchtigkeit objektiv dem Menschen schaden (pulsari ... potest), müssen sie auch 'mala' genannt werden und sind Ursache für menschliches Leid (dolorem, iniuriam).

5. Ordne den Satz 'intus instruamur' der Güterlehre Senecas zu!
Sollte der Mensch aufgrund einer falschen, maßlosen Einschätzung, zu der ihn seine Affekte führen können, in den 'bona' seinen Halt suchen wollen, wird er wegen deren Vergänglichkeit immer gefährdet sein. Darum muss er Halt suchen bei etwas, das nicht flüchtig, nicht vom Zufall abhängig ist, über das er alleine verfügen kann; da unvergänglich, muss es geistig-seelisch (animus) sein, da er selbst darüber verfügen muss, muss es sein Inneres sein. Dieses Innere muss er durch Tugend, Gelassenheit gegenüber Schicksalsschlägen und Ergebenheit in Gottes Willen zu einem unausschöpflichen Reichtum ausrüsten. So wird er unabhängig von dem, was ihn umgibt, und gewinnt seine Seelenruhe als Voraussetzung für die Glückseligkeit.
6. In welcher Weise stellt der Text die Funktion dar, die die 'ratio' innerhalb der Stoischen Philosophie hat?
Seneca bezeichnet hier die Vernunft als eine Qualität des Menschen, die als 'moderatrix' das rechte Maß gibt und das Maßlose zügelt (inmodica conpescuit), indem sie den Menschen die 'bona' so einschätzen läßt, daß er sie maßvoll und nur dadurch dauerhaft gebraucht und daß er unabhängig von ihnen und damit unverletzlich wird. So bezwingt die 'ratio' als des Menschen stärkste Eigenschaft den Zufall, den Schmerz und das Unrecht und bewahrt den Menschen davor, durch 'licentia' und 'intemperantia' sein Leben zu zerstören. In diesem Sinne werden 'ratio' und 'prudentia' von Seneca gleichgesetzt, denn auch 'prudentia' 'modum ... inponat'.

7. Wie wird - vor allem im Hinblick auf die Interpretation des Übels durch eine Theodizee - in diesem Text das Verhältnis des Menschen zu Gott dargestellt?
Seneca geht davon aus, dass das Leid nur scheinbar ist (laedi videtur), dass der Weise sich deutlich machen muss: was als Leid erscheint, dient der Erhaltung und Vervollkommnung der Welt und ist von diesem Zweck her gesehen also ein 'bonum'. Da Gott nach Stoischer Lehre alles bestimmt, auch das, was als Leid erscheint, kann er nur gerechtfertigt sein, wenn das Leid in dieser Weise als 'bonum' interpretiert wird. Aus dieser Sicht ist es sinnvoll, dass der Mensch sich völlig in den Willen Gottes ergibt (Placeat homini, quidquid deo placuit.).

8. Untersuche den Text von ‚Nullus autem‘ bis ‚non potest‘ auf rhetorische Mittel hin!
Hyperbaton: nullus ... murus; asyndetische Parataxe: ... murus est; intus instruamur; Alliteration: intus instruamur, pars ... pulsari ... potest; Wortwiederholung des 'potest'; parallele Formulierung: pulsari homo potest, capi non potest; Antithese: nullus ... murus est - intus; Sentenz: intus instruamur; Metapher: murusErwartungshorizont für die Interpretationsaufgaben Abitur 1986
zu 1.
Damit die Schüler sich den Text aufgrund einer genauen Betrachtung konkreter Textstellen erschließen, sollen sie zunächst mit der Zusammenstellung eines Wortfelds beginnen. In direktem Zusammenhang mit 'fortuna' stehen: felicitas, casus und das Verb accidere. Zusammenhängende Interpretation: Die Güter des Zufalls sind höchst flüchtig (fugacissimis bonis) und mögliche Ursache von laceratio, dolor und iniuria. Wer auf sie sein Glück (felicitas) setzt, ist verlassen (deseritur), da solches Glück sich selbst zerstört (premit). Darum ist diesen Glücksgütern zu misstrauen, sie sind nur als flüchtige und maßvoll zu nutzen (Z 3), man darf nicht an ihnen hängen (Z 1) und man muss sich innerlich gegen ihren Verlust festigen (nihil indignetur sibi accidere), da der Verlust nicht vermeidbar ist (Nullus autem contra fortunam inexpugnabilis murus est).

zu 2.
'felicitas' ist in diesem Text nicht der Glückszustand, in dem der Weise sich befindet, der aufgrund seiner Freiheit von allen Bindungen an 'bona fugacissima' zur Seelenruhe gefunden hat (= beatitudo), sondern ein Glückszustand, der sich eben auf diese flüchtigen Güter gründet und, wenn diese Flüchtigkeit nicht ständig berücksichtigt wird, aufgrund der 'fortuna' einen tiefen Fall tun muss von der Höhe des Glücks in die Tiefe des Unglücks, so dass wegen dieser Fallhöhe ein solches Glück sich selbst erdrückt (ipsa enim se felicitas ... premit).

zu 3.
Der Rezeptionsgeschichte der stoischen Lehre vom Glück wurde im Unterricht bis in die Barockzeit nachgegangen; intensiv haften geblieben sind bei den Schülern vermutlich die Lieder über die Fortuna aus den 'Carmina burana'. Die Schüler haben die Fernsehinszenierung von Orffs 'Carmina burana' durch Ponelle gesehen und das Symbol des Glücksrads, das eines der Leitmotive der Inszenierung war, wohl noch vor Augen. Daß nach der Beziehung zwischen den Liedern an Fortuna in den 'Carmina burana' und dem Begriff 'felicitas' gefragt ist und nicht direkt an 'fortuna' (Aufgabe I.) angeknüpft wird, hat seinen Grund darin, daß den Schülern die Gelegenheit gegeben werden soll, die Beziehung zwischen 'fortuna' (Ursache für Wechsel des Glücks) und 'felicitas' (ungesicherter Glückszustand) darzustellen. Freilich ist eine solch genauere Zuordnung nicht ohne weiteres zu erwarten, wenn nämlich der Interpretation der deutsche ambivalente Begriff 'Glück' zugrundeliegt.

Zu 4.
Bei der Lösung dieser Aufgabe müssen die Ergebnisse der Aufgabe I. berücksichtigt werden, da Aufgabe I. und IV. das gleiche Thema unter verschiedener Perspektive behandeln. Mit folgenden Gedankengängen sind die Schüler vertraut: Die Güterlehre Senecas ist bestimmt durch einen Dualismus von Außen (externa, siehe 74,6) und Innen (intus). Dabei ist herauszustellen, dass es sich nicht ohne weiteres um einen Unterschied zwischen Böse und Gut handelt, da die 'externa', richtig gebraucht, wertneutral sind (Adiaphora; die Schüler sollten bei dieser Gelegenheit die einleitende Bemerkung zum Text nutzen). Ein Übel sind diese Güter nicht, wenn man sie richtig, d.h. mit Maß nutzt (utamur), aber nicht an ihnen hängt (accedant, non haereant), sondern ihnen distanziert gegenübersteht, da sie ja vergänglich sind (depositis; abituris; fugacissimis) und den Menschen verlassen (deseritur) und niederwerfen (adfligitur) können, und nur im Hinblick darauf, dass sie wegen ihrer Zufälligkeit und Flüchtigkeit objektiv dem Menschen schaden (pulsari ... potest), müssen sie auch 'mala' genannt werden und sind Ursache für menschliches Leid (dolorem, iniuriam).

zu 5.
Sollte der Mensch aufgrund einer falschen, maßlosen Einschätzung, zu der ihn seine Affekte führen können, in den 'bona' seinen Halt suchen wollen, wird er wegen deren Vergänglichkeit immer gefährdet sein. Darum muss er Halt suchen bei etwas, das nicht flüchtig, nicht vom Zufall abhängig ist, über das er alleine verfügen kann (ad se potestatem sui transtulit, ep. 93,2); da unvergänglich, muss es geistig-seelisch (animus) sein, da er selbst darüber verfügen muss, muss es sein Inneres sein. Dieses Innere muss er durch Tugend, Gelassenheit gegenüber Schicksalsschlägen und Ergebenheit in Gottes Willen zu einem unausschöpflichen Reichtum ausrüsten. So wird er unabhängig von dem, was ihn umgibt, und gewinnt seine Seelenruhe als Voraussetzung für die Glückseligkeit.

zu 6.
Seneca bezeichnet hier die Vernunft als eine Qualität des Menschen, die als 'moderatrix' das rechte Maß gibt und das Maßlose zügelt (inmodica conpescuit), indem sie den Menschen die 'bona' so einschätzen lässt, dass er sie maßvoll und nur dadurch dauerhaft gebraucht und dass er unabhängig von ihnen und damit unverletzlich wird. So bezwingt die 'ratio' als des Menschen stärkste Eigenschaft den Zufall, den Schmerz und das Unrecht und bewahrt den Menschen davor, durch 'licentia' und 'intemperantia' sein Leben zu zerstören. In diesem Sinne werden 'ratio' und 'prudentia' von Seneca gleichgesetzt, denn auch 'prudentia' 'modum ... inponat'. Sollten die Schüler bei dem Versuch zu erklären, wieso die 'ratio' zu dieser Qualität kommt, die im Kommentar zum Orbis Romanus recht ausführlich dargestellte Lehre vom Urpneuma und der menschlichen Vernunft als dessen Emanation erwähnen, könnte dies mit ein bis zwei Zusatzpunkten bewertet werden.

zu 7.
Diese Fragestellung ist bei den Seneca-Texten, die im Kurs gelesen wurden, so deutlich wie im vorliegenden Brief nicht ausgesprochen worden. Die Thematik ist den Schülern aber aus ihrer Vergil-Lektüre vertraut die entsprechenden Stellen der 'Georgica' wurden ihnen vorgestellt, so dass die dort erarbeiteten Vorstellungen zur Interpretation der Zeilen 18-21 dieses Briefes herangezogen werden können. Seneca geht davon aus, dass das Leid nur scheinbar ist (laedi videtur), daß der Weise sich deutlich machen muss: was als Leid erscheint, dient der Erhaltung und Vervollkommnung der Welt und ist von diesem Zweck her gesehen also ein 'bonum'. Da Gott nach Stoischer Lehre alles bestimmt, auch das, was als Leid erscheint, kann er nur gerechtfertigt sein, wenn das Leid in dieser Weise als 'bonum' interpretiert wird. Aus dieser Sicht ist es sinnvoll, dass der Mensch sich völlig in den Willen Gottes ergibt (Placeat homini, quidquid deo placuit.).

zu 8.
Hyperbaton: nullus ... murus; asyndetische Parataxe: ... murus est; intus instruamur; Alliteration: intus instruamur, pars ... pulsari ... potest; Wortwiederholung des 'potest'; parallele Formulierung: pulsari homo potest, capi non potest; Antithese: nullus ... murus est - intus; Sentenz: intus instruamur; Metapher: murus

Unterrichtliche Voraussetzungen
In 13.I wurden von Senecas Briefen an Lucilius(zum Teil in Ausschnitten der 1., 7., 16., 20., 28., 41., 44., 47., 61., 89. und 98. gelesen; eine Klausur wurde über einen Text aus 'De vita beata' geschrieben. Ein großer Teil dieser Briefe regte an zu Erläuterungen und Diskussionen der Probleme, die auch den Klausurtext bestimmen.



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