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Friedrich Schiller
Die Jungfrau von Orleans
(bearbeitet für Klasse 8)

Der geschichtliche Hintergrund
(nach ‚Königs Erläuterungen‘ und dem Internet-Artikel von Mathias Gabel)
Im Jahr 1337 bricht zwischen England und Frankreich der Hundertjährige Krieg aus. Aufgrund von unterschiedlichen Rechtsauffassungen in Bezug auf die Erbfolge - im Gegensatz zu England gilt in Frankreich die weibliche Erbfolge nicht - beanspruchen sowohl der König von England als auch der von Frankreich den französischen Thron.

Bei Crécy kommt es 1346 zur ersten Schlacht zwischen England und Frankreich. Das englische Heer, das vor allem aus einfachen Bauern besteht, besitzt mit dem walisischen Langbogen eine Waffe, die für die Schlacht entscheidend sein sollte. Während das stark gepanzerte französische Ritterheer fast bewegungsunfähig ist, prasseln Tausende von panzerbrechenden englischen Pfeilen auf sie nieder. Als die Schlacht vorüber ist, bleiben die Engländer ohne nennenswerte Verluste, während das französische Heer fast vollständig aufgerieben wird.

Karl V., König von Frankreich, nimmt 1369 den Krieg gegen England wieder auf und erobert einen Teil der besetzten Gebiete zurück. Als Karl V. stirbt, besteigt sein Sohn Karl VI., der später wahnsinnig wird, den Thron. Ab 1396 tritt ein Waffenstillstand zwischen Frankreich und England in Kraft, der 28 Jahre dauern sollte.

Der englische König Heinrich V. zieht 1415 erneut gegen Frankreich in den Krieg und schlägt das französische Ritterheer bei Azincourt vernichtend. Burgund tritt nun auf die Seite Englands über (1416) und erkennt die Ansprüche Heinrichs V. auf den französischen Thron an. Die englische Armee erobert die gesamte Normandie (1417). In Paris fallen die Burgunder ein und übernehmen die Herrschaft. Der erst 16jährige Dauphin Karl flieht aus der Stadt, aber seine Mutter, Königin Isabeau, und der geisteskranke König Karl VI. schlagen sich auf die Seite der Burgunder. Am 10. September 1419 wird zu allem Überfluss Johann ohne Furcht, der Herzog von Burgund, auf der Brücke von Montereau von einem Anhänger des Königshauses (bei Schiller: Du Chatel) erschlagen. Dieser Mord, für den der Dauphin Karl verantwortlich gemacht wird, spaltet Burgund noch mehr von Frankreich ab und treibt es auf die Seite der Engländer. Im Vertrag von Troyes (1420) willigt der burgundische Herzog Philipp der Gute, Johanns Sohn, ein, dass der französische Thron einem englischen Prinzen gehören soll. Karl VI. erklärt schließlich seinen Sohn, den Dauphin, für illegitim und schließt ihn damit von der Thronfolge aus. Dieser rechtmäßige Erbe der Lilienkrone führt ein entschluss- und tatenloses Dasein. Zwar wird er von der Mitte und dem Süden des Landes als König anerkannt, es fehlen ihm aber Hilfsmittel an Geld und Truppen und vor allem Selbstvertrauen, die ihm helfen könnten, sein Land zu retten und sich als König krönen zu lassen. 1422 sterben der englische König Heinrich V. und der französische König Karl VI..

1429 wird der Sohn Heinrichs, den ihm Katharina von Valois, eine Tochter des geisteskranken Königs Karl VI. und Schwester Karls VII., 1421 geboren hatte, als Heinrich VI. König von England, 1431 König von Frankreich; er wird im ganzen Norden und Westen Frankreichs, auch in Paris, anerkannt. Der Herzog von Bedford, sein Oheim, führt die Regentschaft in Frankreich. Für Heinrich VI. erklärt sich auch Isabella von Burgund, und das Waffenglück bleibt den Engländern, die sich mit Burgund vereinigt haben, in den nächsten Jahren treu. Bedford erobert alle Festungen und Städte nördlich der Loire, schlägt die Franzosen in den Schlachten von Crevant und Verneuil. Der Dauphin Karl (VII.), der untätig in Chinon sitzt, befindet sich am Rande des Untergangs. Mit den Burgundern im Osten und den Engländern im Norden, welche nun das gesamte Gebiet nördlich der Loire besetzt halten, scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis Frankreich völlig erobert ist. Am 7. Oktober 1428 beginnt die Belagerung von Orléans, dem Schlüssel zur Überquerung der Loire und Eroberung der Gebiete im Süden.







Die historische Jeanne d'ArcKaum eine andere historische Persönlichkeit ist so faszinierend und mysteriös wie Jeanne d'Arc. Als einfaches Bauernmädchen steht sie auf der untersten Stufe des feudalen Systems des Mittelalters und doch schafft sie es, die gesellschaftlichen Grenzen zu überwinden und rettet so König und Vaterland vor der Fremdherrschaft der Engländer. Ihr Auftritt auf der politischen und militärischen Bühne dauert nur etwa zwei Jahre. Mit siebzehn befehligt sie das Heer der Franzosen, mit neunzehn stirbt sie als Hexe auf dem Scheiterhaufen.
Jeanne d'Arc wird 1412, kurz vor Wiederausbruch des Hundertjährigen Krieges (genau 80 Jahre vor der Entdeckung Amerikas und rund 100 Jahre vor der Reformation Luthers), in Domrémy, einem Dort in Lothringen, nahe der damaligen deutschen Grenze als Tochter von Landleuten geboren. Die Bewohner des Dorfes und seiner Umgebung sind treue Anhänger des Dauphins Karl VII. und deshalb schon mehrmals von englischen und burgundischen Heerhaufen gebrandschatzt.

Johanna, schon in jungen Jahren ernst und in sich gekehrt, fleht zum Himmel für den König und hasst die Feinde ihres Landes. Im Verhör gibt sie später an, schon seit ihrem 13. Lebensjahre sei ihr die Mutter Gottes (?) erschienen und habe sie ermahnt, in ihrem Beten treu auszuharren; auch habe ihr die Himmelskönigin offenbart, dass Johanna, wenn sie sich nicht vermähle, alles Herrliche auf Erden zu vollbringen könne. Als sie daraufhin gelobt habe, für immer Jungfrau zu bleiben, sei ihr der himmlische Befehl zuteil geworden, nach Chinon an den Hof Karls VII. zu gehen, das bedrohte Orléans zu retten und den Dauphin in Reims feierlich zum König von Frankreich krönen zu lassen.

Als die Belagerung von Orleans beginnt, verlässt sie das Elternhaus, da sie von ihren Stimmen den Auftrag bekommen hat, die Belagerung von Orléans aufzuheben. Ihren Eltern erzählt sie, sie würde zu einem Onkel gehen. Dorthin geht sie auch zuerst und wohnt einige Wochen bei ihm. Ihr eigentliches Ziel ist aber Vaucouleurs. Sie bittet den Stadtkommandanten von Vaucouleurs, Robert de Baudricourt, sie zum Dauphin zu schicken, doch dieser weist sie zuerst ab. Sie schafft es dann doch, ihn zu überreden, und man rüstet einen kleinen Trupp aus, der sie Mitte Februar 1429 nach Chinon zum Dauphin führen soll. Jeanne bekommt ein eigenes Pferd, ein Schwert und legt zum ersten Mal Männerkleidung an.

Karl ruft sie zu sich, und am 8. März trifft sie in Chinon, wo die königliche Hofhaltung ist, ein. Durch ungläubige Hofleute zunächst schwankend gemacht, gewährt ihr Karl, auf das Drängen einer Gesandtschaft von Orléans hin, nach drei Tagen eine Audienz. In der von Fackeln erleuchteten großen Schlosshalle sind an die 300 Hofleute versammelt. Um die Jungfrau auf die Probe zu stellen, hält sich Karl abseits. Sie aber geht, obgleich einige Hofleute sie irrezumachen suchen, durch die Menge auf den Dauphin zu. Sie hat mit dem König ein privates Gespräch, in dem sie ihm, wie es heißt, seine geheimen Gebete nennt und ihn mit Vertrauen zu ihrer göttlichen Sendung erfüllt.

Um aber sicher zu sein, dass die Jungfrau nicht etwa im Dienste böser Geister stehe, wird sie nach Poitiers gebracht und von den Doktoren der dortigen Universität befragt. Auch wird ihre Jungfräulichkeit von einigen Hofdamen untersucht, denn nach damaligem Glauben konnte eine Jungfrau nicht vom Teufel besessen sein. Die Prüfungen ergeben schließlich ein positives Urteil.

Jeanne wird nun nach Tours gebracht, wo für sie eine Rüstung angefertigt wird. Sie trägt ein Schwert aus der Kirche von Fierbois, auf dem fünf Kreuze eingegraben sind, und eine weiße Fahne mit goldenen Lilien und den Bildern der Mutter Gottes und des Jesuskindes. Dieses Banner trägt sie überall den Truppen voran.

Unter ihrem Befehl führt ein Heeresteil durch die englischen Belagerungstruppen hindurch der ausgehungerten Besatzung und Bevölkerung Lebensmittel zu.

Dem Herzog von Bedford schickt sie einen Brief, den sie, des Lesens und Schreibens unkundig, diktiert hat und in dem sie ihn nachdrücklich aufforderte, das Land zu verlassen, das der Himmel für den rechtmäßigen Erben der Krone, Karl VII., bestimmt habe; andernfalls würden die Engländer von ihr vertrieben werden.

In den nächsten Tagen nimmt sie, die Fahne in der Hand, an den gefährlichsten Unternehmungen teil, reißt durch ihr Ungestüm selbst die bedächtigen Feldherren mit sich fort und hat stets Erfolg. Sie kämpft auch weiter, als sie durch den Pfeil eines englischen Bogenschützen verwundet wird. Ihre Schar stürzt sich unter ihrer Führung blindlings in den Kampf, während die Engländer von abergläubischem Schrecken wie gelähmt sind. Einige von ihnen versichern unter heiligen Schwüren, schon wenn sie den Namen der Jungfrau hörten oder ihre Fahne erblickten, verlören sie plötzlich jede Kraft und jeden Mut, so dass sie ihre Bogen nicht mehr spannen und auf den Feind nicht mehr losschlagen könnten. „Ehe die Jungfrau kam“, sagte Dunois noch lange nachher aus, „jagten 200 Engländer 800 bis 1000 Mann des Königs in die Flucht, und nach ihrer Ankunft kämpften 400 bis 500 Franzosen gegen die gesamte Macht der Engländer und zwangen sie, sich in ihre Befestigungen zurückzuziehen.“

Am 7. Mai fällt Tourelles, eine als uneinnehmbar geltende Befestigungsanlage bei Orléans, und am 8. Mai beschließt ein Kriegsrat der englischen Feldherren, die Belagerung von Orléans aufzuheben. Nächst Gott schreibt man die Rettung der Stadt der Jungfrau zu.

Johanna verlangt nun, dass man nach Reims ziehe und dort an heiliger Stätte Karl zum König kröne. Mit glühender Begeisterung weist sie den zögernden Karl darauf hin, dass der Friede nur dann möglich sei, wenn er gekrönt und als König anerkannt sei. Endlich erfüllt man ihren Wunsch; man bildet ein neues Heer und tritt im Juni den Marsch nach Reims an. Fast alle Städte öffnen dem Dauphin freiwillig ihre Tore, mehrere Gefechte fallen für die Franzosen günstig aus, und aus Reims zieht die englische Besatzung ohne Widerstand ab.
So kann Karl am 17. Juni 1429, einem Sonntag, unter großem Gepränge im Dom der alten Krönungsstadt vom Erzbischof mit dem heiligen Öl gesalbt und mit der französischen Krone geschmückt werden.

Von Reims aus richtet Johanna einen Brief an den Herzog von Burgund und verlangt von ihm „im Namen des Königs des Himmels“, dass er mit dem rechtmäßigen Herrscher von Frankreich Frieden schließe, da er sonst im Kampfe mit dem Himmel unterliegen werde. Auch Karl selbst knüpft Unterhandlungen mit Burgund an, die indessen erst 1435 zum Frieden von Arras führten.

Bei der Zeremonie ist auch der Vater Jeannes dabei, der sie seit ihrem Aufbruch im Dezember 1428 zum ersten Mal wiedersieht. Karl VII. empfängt ihren Vater und befreit ihn, sowie alle Bürger von Domrémy und Greux, für alle Zeit von der Steuer.

Nach seiner Krönung geht Karl VII. auf einen kurzfristigen Waffenstillstandsvorschlag des Herzogs von Burgund ein. Johanna hält aber ihre Aufgabe erst dann für vollständig erfüllt, wenn sie auch Paris und das übrige Land den Engländern entrissen hat. Sie treibt deshalb immer zu neuen Unternehmungen an.

Am Hof aber hat sie viele Gegner; die ihre Unternehmungen zu hindern versuchen. Nur einzelne Führer, wie z. B. Dunois und La Hire, halten treu zu ihr. So kommt es, dass die Engländer, die genügend Zeit haben, Verstärkung heranzuführen, den Angriff auf Paris zurückschlagen, obgleich die Jungfrau wie immer den französischen Scharen mutig ihr Siegesbanner voranträgt und mit Todesverachtung vor keiner noch so großen Gefahr zurückschreckt.

Karl VII. lässt den Waffenstillstand mit Herzog Philipp von Burgund bis zum April 1430 verlängern. Als Geste des Friedens löst er den Hauptteil seiner Armee auf. Erst im Oktober 1429 wird in Bourges eine neue Armee aufgestellt. Philipp von Burgund nutzt die Waffenstillstände mit Karl VII. für militärische Zwecke. Im April 1430 bereitet er sich darauf vor, Compiègne zu belagern, um sich einen Korridor nach Paris zu sichern. Jeanne d'Arc eilt mit ihrer Streitmacht der königstreuen Stadt zu Hilfe. Dabei werden sie, ihr Bruder Pierre und Jean d'Aulon von den Burgundern gefangengenommen, weil der Kommandant von Compiègne, um eine Erstürmung der Stadt durch die Burgunder zu verhindern, die Zugbrücke hochziehen und die Stadttore schließen ließ und dadurch Jeanne d'Arc den Rückzug abschnitt.

Die Engländer versuchen nun alles, um die Auslieferung Jeanne d'Arcs zu bewirken. Nach zwei misslungenen Fluchtversuchen wird sie gegen ein Lösegeld von 10.000 Franken, einem Betrag für einen König, an die Engländer ausgeliefert. Diese wiederum überstellen sie der Gerichtsbarkeit der katholischen Kirche. In Rouen wird ihr am 9. Januar 1431 der Prozess gemacht wegen Verstoßes gegen mehrere Gesetze der Kirche. Der Vorsitzende Richter ist Pierre Cauchon, der Bischof von Beauvais. Karl unternimmt nichts zu ihrer Rettung.

Das Urteil des Gerichts steht von vornherein fest. Auch wenn Jeanne d'Arc durch ihre äußerst intelligenten und furchtlosen Antworten bei den Verhören den Richtern kaum einen Angriffspunkt liefert, kann sie sich dem Urteil der heiligen Inquisition nicht entziehen. Sie wird am 30. Mai 1431 auf dem Marktplatz von Rouen bei lebendigem Leib verbrannt.

Nach Johannas Tod ereignete sich nach und nach alles, was sie prophezeit hatte. Die Engländer wurden aus Frankreich vertrieben, und als Talbot bei Chatillon gefallen war, ging der Krieg 1453 zu Ende.

Im Jahre 1450 gab der Papst einer Bitte von Isabelle Romée, Jeannes Mutter, um Wiederaufnahme des Prozesses statt. Es fand ein Revisionsprozess statt, der mit der Aufhebung des Urteils von 1430 und mit der Ehrenrettung Johannas endete. Vom Papst wurde sie 1894 „ehrwürdig“, 1909 „selig“ und 1920 „heilig“ gesprochen; sie gehört zu den gefeiertsten Nationalhelden Frankreichs. Schon zu ihren Lebzeiten, im Jahre 1429, besang eine französische Dichterin ihren Ruhm; dann bemächtigten sich ihrer das Volkslied und Volksschauspiel, und 1456 entstand das heroische Epos von Jean Chapelain "La Pucelle d'Orléans ou la France délivrée" (Die Jungfrau von Orleans oder das befreite Frankreich). Diese Verherrlichung der Jeanne d’Arc parodierte Voltaire in seinem Werk "La Pucelle d'Orléans" (1735-62) und machte Jeanne d’Arc lächerlich. Das empfand Schiller als Unrecht und schrieb sein Drama zur Rechtfertigung der Jungfrau.

Die ‚Prophezeiungen‘ über die Jungfrau
Es gibt zwei Prophezeiungen, die sich auf Jeanne d'Arc anwenden lassen. Die erste Prophezeiung wird dem Zauberer Merlin zugesprochen. Dieser prophezeite das Erscheinen einer Jungfrau aus einem Eichenwald in Lothringen. Bei der zweiten Prophezeiung handelt es sich um eine Redensart aus der Zeit von Jeanne d'Arc. Man erzählte sich, dass „Frankreich durch eine Frau zugrundegerichtet und durch eine Jungfrau gerettet“ würde. Den ersten Teil dieser Redensart erfüllte zweifellos Isabeau von Bayern, der Mutter von Karl VII., die Hochverrat beging, indem sie auf die Seite der Engländer wechselte und ihren Sohn im Vertrag von Troyes für illegitim erklären ließ. Man weiß, dass Jeanne d'Arc zumindest diese zweite Prophezeiung kannte.

Das Ende der Jeanne d’Arc - Über Schillers Änderung der historischen Ereignisse
(Königs Erläuterungen)Die Hauptabweichung Schillers von der Geschichte betrifft den Tod der Jungfrau. ... Wer um die Geschichte der langen und qualvollen Gefangenschaft der Jungfrau, ihren Mut und ihre Geduld gegen ihre schändlichen Peiniger weiß, der wird aufs tiefste davon erschüttert sein; aber Schiller konnte dies trotzdem für sein Drama nicht brauchen. ... So viel ist klar: in dem Augenblick, wo für ihn feststand, dass der Konflikt in dem Widerspruch der weiblichen Natur gegen die Strenge der göttlichen Forderung bestehen sollte (und ohne diesen Gedanken hätte er schwerlich den Stoff überhaupt behandelt), war die andere Möglichkeit endgültig ausgeschlossen. Die mit sich selbst entzweite Heldin konnte nur durch sich selbst, in ernstem, innerem Ringen mit der eigenen Schwäche sich wiederfinden, und sobald dies geschah, konnte sie keinem irdischen Gericht mehr unterworfen werden.

Aus den Protokollen über den Prozess gegen Jeanne d‘Arc
Zweite öffentliche Sitzung
am Donnerstag, dem 22. Februar 1431, in der Rüstkammer hinter dem großen Schlosssaal in Rouen
Der Bischof von Beauvais, Pierre Cauchon,
47 Beisitzer; Johanna.

Magister Jean Beaupère, Beisitzer des Tribunals:
Monseigneur der Bischof hat mich beauftragt, Euch zu verhören, Johanna. Wir fordern Euch unter Androhung der kanonischen Strafen auf, zu schwören, wie Ihr es gestern getan, dass Ihr die Wahrheit sagen wollt, und nichts als die Wahrheit!
Johanna: Es kann Fragen geben, auf die ich Euch der Wahrheit gemäß antworten, und andere, auf die ich nicht antworten werde ... Wenn Ihr recht unterrichtet wäret über mich, Ihr müsstet wünschen, dass ich nicht in Eurer Gewalt sei! Ich habe nichts getan, was mir nicht durch Offenbarung aufgetragen wurde.
Johanna leistet den Eid.
Magister Beaupère:
Wie alt wart Ihr, als Ihr das väterliche Haus verließt?
Johanna: Wie alt ich war? ich weiß es nicht.
Magister Beaupère: Habt Ihr in Eurer Jugend irgendeine Fertigkeit erworben?
Johanna: Ja, Spinnen und Nähen. Darin nehme ich es mit jeder Frau in Rouen auf. Als ich bei meinem Vater war, habe ich mich um das Hauswesen gekümmert. Die Schafe habe ich nicht gehütet.
Magister Beaupère: Habt Ihr jedes Jahr Eure Sünden gebeichtet?
Johanna: Ja. Beim Herrn Pfarrer. Wenn er verhindert war, beichtete ich einem anderen Priester, aber nur mit seiner Zustimmung. Manchmal auch - zwei- oder dreimal, wenn ich mich recht erinnere - beichtete ich bei den Bettelmönchen. Das war in Neufchâteau. Aus Furcht vor den Burgundern hatte ich meines Vaters Haus verlassen und war nach Neufchâteau in Lothringen gegangen zu einer Frau, La Rousse, »die Fuchsige«, genannt. Dort blieb ich vierzehn Tage. Zu Ostern empfing ich den Leib des Herrn.
Magister Beaupère: Wann vernahmt Ihr Eure Stimmen zum erstenmal?
Johanna: Als ich dreizehn Jahre alt war, hatte ich eine Stimme, die von Gott kam, um mich zu leiten. Das erstemal hatte ich große Furcht. Die Stimme kam zur Mittagsstunde; es war im Sommer, im Garten meines Vaters. Ich hatte den Tag zuvor gefastet. Ich habe die Stimme gehört mir zur Rechten, von der Seite der Kirche her.
Magister Beaupère: Erscheint Euch ein Glanz, wenn Ihr die Stimme hört?
Johanna: Fast immer begleitet sie eine große Helligkeit. Dieses Licht kommt von derselben Seite, von der man die Stimme vernimmt. Dort zeigt sich meist ein heller Schein.
Magister Beaupère: Wie konntet Ihr dieses Licht erkennen, wenn es von der Seite kam?
Johanna [übergeht die Frage]: Selbst wenn ich in einem Wald wäre, vernähme ich die Stimme wohl, die auf mich zukommt.
[Magister Beaupère: Was dünkte Euch von dieser Stimme?]
Johanna: Mir schien die Stimme erhaben. Ich glaube, sie war mir von Gott geschickt. Beim dritten Anruf wusste ich: es war die Stimme eines Engels. Die Stimme hat mich immer recht geleitet, und ich habe sie immer verstanden.
Magister Beaupère: Was riet Euch Eure Stimme zu Eurem Seelenheil?
Johanna: Mich gut zu führen, in die Kirche zu gehen. Sie sagte mir, es sei notwendig, dass ich, Johanna, nach Frankreich ginge. Zwei-, dreimal in der Woche sagte mir die Stimme, dass ich, Johanna, nach Frankreich gehen müsste, und zwar so, dass mein Vater nichts von meinem Aufbruch wüsste. Die Stimme hieß mich, nach Frankreich zu gehen, und ich konnte nicht mehr bleiben, wo ich war. Die Stimme befahl mir, die Belagerung von Orléans aufzuheben. Sie hieß mich, Robert de Baudricourt in Vaucouleurs aufzusuchen - das war der Stadthauptmann -, dass er mir Leute gäbe, die mit mir kämen. Ich antwortete, ich sei ein armes Mädchen, das nichts vom Reiten noch von der Kriegführung verstünde. Und dann ging ich zu meinem Onkel. Ich wollte dort einige Zeit bleiben. Ich blieb dort ungefähr acht Tage. Ich sagte zu meinem Onkel, ich müsse nach Vaucouleurs gehen. Und mein Onkel brachte mich dorthin. Als ich in Vaucouleurs ankam, erkannte ich Robert de Baudricourt; und dennoch hatte ich ihn nie gesehen. Ich erkannte ihn durch die Stimme. Sie sagte mir, dass er es war. Ich sagte ihm, Robert, dass ich nach Frankreich gehen müsste. Zweimal hat er mich abgewiesen. Das drittemal hat er mir die Leute gegeben. Die Stimme hatte mir vorausgesagt, dass es so kommen würde.Der Herzog von Lothringen befahl, dass ich ihm vorgeführt würde. Ich ging zu ihm. Ich sagte ihm, ich wolle nach Frankreich. Der Herzog fragte, ob er genesen würde, denn er war krank. Ich antwortete, ich wüsste es nicht. Von meiner Reise sprach ich wenig. Ich bat ihn, er möge mir seinen Sohn und seine Leute mitgeben, damit sie mich nach Frankreich führten, und ich wollte Gott um seine Gesundheit bitten. Ich war unter sicherem Geleit zu ihm gekommen und kehrte ebenso nach Vaucouleurs zurück.

Nachdem ich Vaucouleurs verlassen hatte, erreichte ich Saint-Urbain und übernachtete in der Abtei. Ich war in Männerkleidern. Baudricourt hatte mir ein Schwert gegeben. Ich hatte keine anderen Waffen. Ein Ritter, ein Junker und vier Bewaffnete begleiteten mich. Unterwegs kamen wir durch Auxerre. Dort hörte ich in der Kathedrale die Messe. Und hierauf hatte ich häufig meine Stimmen.
Magister Beaupère: Wer hatte Euch geraten, Mannskleider anzulegen?
Johanna weigert sich zuerst mehrmals zu antworten.
Johanna:
Damit belaste ich keinen Menschen! [Sie fährt in ihrer Erzählung fort:] Robert de Baudricourt hatte meine Begleiter schwören lassen, dass sie mich sicher geleiteten. Zu mir sagte Robert: »Geh!« - das war, als ich Abschied von ihm nahm - »geh und es möge geschehen, was geschehen soll!«
Ich kam ohne Hindernis zum König. In der Nähe von SainteCatherine de Fierbois schickte ich Botschaft nach Chinon, wo sich der König aufhielt. Ich kam dort gegen Mittag an und wohnte in der Herberge. Nach der Mahlzeit ging ich zum König ins Schloss. Als ich den Saal betrat, erkannte ich ihn unter allen anderen; meine Stimme wies ihn mir. Ich sagte dem König, ich wolle den Krieg gegen die Engländer führen.
Magister Beaupère: Als die Stimme Euch Euren König bezeichnete, war da ein Licht an jener Stelle?
Johanna: Übergeht das, fahrt fort!
Magister Beaupère: Ist es vielleicht ein Engel gewesen, den Ihr über Eurem König gesehen habt?
Johanna: Verschont mich! Übergeht das! Ehe der König mich ans Werk ließ, hatte er selbst mancherlei Erscheinungen und herrliche Offenbarungen.
Magister Beaupère: Welche Offenbarungen? Welche Erscheinungen?
Johanna: Ich werde es Euch nicht sagen. Erwartet keine Antwort. Schickt zum König, und er wird Euch antworten.
Meine Stimme hatte mir versprochen, der König würde mich bei meiner Ankunft empfangen. Die auf meiner Seite waren, wussten wohl, dass mir die Stimme von Gott geschickt war. Die Stimme selbst konnten sie sehen und erkennen. Das weiß ich. Ich bin dessen sicher. Der König und andere mit ihm konnten die Stimme vernehmen und schauen, die auf mich zukam. Charles de Bourbon war dabei und zwei oder drei andere.
Magister Beaupère: Vernehmt Ihr oftmals jene Stimme?
Johanna: Es gibt keinen Tag, an dem ich die Stimme nicht höre; und ich bedarf ihrer. Niemals habe ich anderen Lohn erbeten als das Heil meiner Seele.
(Jeanne d'Arc. Dokumente ihrer Verurteilung und Rechtfertigung 1431, 1456. Übersetzt und eingeleitet von Ruth Schirmer-Imhoff. Köln: Bachem, 1956. S.43-47.)



II,8; IV,1 (Klassenarbeit für 8)

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