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1. Klassenarbeit 10a
15.09.1999
2 Unterrichtsstunden

Text: Schiller ‘Der Verbrecher aus verlorener Ehre’
Bearbeite folgende vier Aufgaben! Die Aufgaben 2. - 4. können relativ kurz abgehandelt, sie müssen aber getrennt bearbeitet werden.

1. Interpretiere den folgenden Text!
Als Ergebnis der Interpretation müssen die Fragen beantwortet sein, wie nach Schillers Meinung jemand zum Verbrecher wird (siehe Titel der Erzählung) und ob Christian Wolf wirklich aus freier Wahl, wie er sagt, Verbrecher geworden ist. (alternativ: wieso der Verlust von Ehre Ursache von Verbrechen ist)

Die Glocken läuteten zur Vesper, als ich mitten auf dem Markte stand. Die Gemeine wimmelte zur Kirche. Man erkannte mich schnell, jedermann, der mir aufstieß, trat scheu zurück. Ich hatte von jeher die kleinen Kinder sehr lieb gehabt, und auch jetzt übermannte michs unwillkürlich, dass ich einem Knaben, der neben mir vorbei hüpfte, einen Groschen bot. Der Knabe sah mich einen Augenblick starr an und warf mir den Groschen ins Gesicht. Wäre mein Blut nur etwas ruhiger gewesen, so hätte ich mich erinnert, dass der Bart, den ich noch von der Festung mitbrachte, meine Gesichtszüge bis zum Grässlichen entstellte - aber mein böses Herz hatte meine Vernunft angesteckt. Tränen, wie ich sie nie geweint hatte, liefen über meine Backen.

›Der Knabe weiß nicht, wer ich bin, noch woher ich komme‹, sagte ich halblaut zu mir selbst, ›und doch meidet er mich wie ein schändliches Tier. Bin ich denn irgendwo auf der Stirne gezeichnet, oder habe ich aufgehört, einem Menschen ähnlich zu sehen, weil ich fühle, dass ich keinen mehr lieben kann?‹ - Die Verachtung dieses Knaben schmerzte mich bitterer als dreijähriger Galiotendienst, denn ich hatte ihm Gutes getan und konnte ihn keines persönlichen Hasses beschuldigen.

Ich setzte mich auf einen Zimmerplatz, der Kirche gegenüber; was ich eigentlich wollte, weiß ich nicht; doch ich weiß noch, dass ich mit Erbitterung aufstand, als von allen meinen vorübergehenden Bekannten keiner mich nur eines Grußes gewürdigt hatte, auch nicht einer. Unwillig verließ ich meinen Standort, eine Herberge aufzusuchen; als ich an der Ecke einer Gasse umlenkte, rannte ich gegen meine Johanne. ›Sonnenwirt!‹ schrie sie laut auf und machte eine Bewegung, mich zu umarmen. ›Du wieder da, lieber Sonnenwirt! Gott sei Dank, dass du wiederkömmst!‹ Hunger und Elend sprach aus ihrer Bedeckung, eine schändliche Krankheit aus ihrem Gesichte, ihr Anblick verkündigte die verworfenste Kreatur, zu der sie erniedrigt war. Ich ahndete schnell, was hier geschehen sein möchte; einige fürstliche Dragoner, die mir eben begegnet waren, ließen mich erraten, dass Garnison in dem Städtchen lag. ›Soldatendirne!‹ rief ich und drehte ihr lachend den Rücken zu. Es tat mir wohl, dass noch ein Geschöpf unter mir war im Rang der Lebendigen. Ich hatte sie niemals geliebt.

Meine Mutter war tot. Mit meinem kleinen Hause hatten sich meine Kreditoren bezahlt gemacht. Ich hatte niemand und nichts mehr. Alle Welt floh mich wie einen Giftigen, aber ich hatte endlich verlernt, mich zu schämen. Vorher hatte ich mich dem Anblick der Menschen entzogen, weil Verachtung mir unerträglich war. Jetzt drang ich mich auf und ergötzte mich, sie zu verscheuchen. Es war mir wohl, weil ich nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu hüten hatte. Ich brauchte keine gute Eigenschaft mehr, weil man keine mehr bei mir vermutete.

Die ganze Welt stand mir offen, ich hätte vielleicht in einer fremder Provinz für einen ehrlichen Mann gegolten, aber ich hatte den Mut verloren, es auch nur zu scheinen. Verzweiflung und Schande hatten mir endlich diese Sinnesart aufgezwungen. Es war die letzte Ausflucht, die mir übrig war, die Ehre entbehren zu lernen, weil ich an keine mehr Anspruch machen durfte. Hätten meine Eitelkeit und mein Stolz meine Erniedrigung erlebt, so hätte ich mich selber entleiben müssen.

Was ich nunmehr eigentlich beschlossen hatte, war mir selber noch unbekannt. Ich wollte Böses tun, soviel erinnerte ich mich noch dunkel. Ich wollte mein Schicksal verdienen. Die Gesetze, meinte ich, wären Wohltaten für die Welt, also fasste ich den Vorsatz, sie zu verletzen; ehemals hatte ich aus Notwendigkeit und Leichtsinn gesündigt, jetzt tat ichs aus freier Wahl zu meinem Vergnügen.

2. Stelle dar, warum Christian Wolf schließlich die Gerichtsbarkeit anerkennt, indem er sich ihr ausliefert!

3. Wozu ist es gut, sich mit der Lebensgeschichte eines Verbrechers so, wie Schiller es tut, auseinanderzusetzen?

4. Erläutere, welches Verfahren nach Ansicht Schillers (siehe Einleitung zu ‚Der Verbrecher aus verlorener Ehre’) der Dichter bzw. welches der Geschichtsschreiber bei der Darstellung der Lebensgeschichte eines Verbrechers wie Christian Wolf wählen wird! Vergleiche die Überlegungen Schillers mit denen Brechts über das ‘Epische Theater’!


Lösungsvorschlag
Bei Aufgabe 1 ist die Lösung ausgeführt, bei den anderen Aufgaben nur skizziert.

zu 1.
Für Christian Wolf ist grundsätzlich die Verachtung durch die Menschen, die er immer wieder erfahren musste, unerträglich und in dem vorgelegten Text wird besonders deutlich, wie sich aus der Verachtung durch die Gesellschaft Wolfs Verachtung der Gesellschaft entwickelt.

Der Wunsch etwas zu gelten, Anerkennung zu finden, auch die Erhaltung seiner Selbstachtung, seines Selbstwertgefühl sind ihm so wichtig, dass er sich sogar darüber freut, dass Johanna so tief gesunken ist: hier ist ein Geschöpf, das unter ihm ist im Rang der Lebendigen, so dass er sich nicht als der Allerniedrigste fühlen muss.

Aber als ein Kind, dem er einen Groschen schenken will, ihn verachtet, kommt er sich vor wie ein schändliches Tier; die für ihn lebensnotwendige Anerkennung wird ihm sogar von jemandem, dem er Gutes tun will, versagt. Hinzu kommt, dass seine Bekannten ihn nicht mehr grüßen.

Die Folge: Er brauchte keine gute Eigenschaft mehr, weil man keine mehr bei (ihm) vermutete. Weil die Gesellschaft nicht Gutes mehr von ihm erwartet, gibt er sich auf, gibt sich keine Mühe mehr, Anerkennung zu gewinnen durch gute Eigenschaften, weil dies ihm erfolglos vorkommt. Er verzichtet trotzig auf Anerkennung, wendet sich bewusst gegen die Gesellschaft, lernt die Ehre entbehren ...weil ... (er) an keine mehr Anspruch machen durfte. Er hasst sogar die Gesellschaft, die ihm die Anerkennung verweigert und ihn in diese Rolle hineindrängt, und will ihr schaden, indem er ihre Gesetze verletzt. Er wird also zum Verbrecher, weil er gezwungen war, auf die Anerkennung der Gesellschaft zu verzichten, da diese sie ihm verweigerte; er hatte - entgegen seiner eigenen Aussage - also keine freie Wahl bei seinen Handlungen.

zu 2.
Die ‘Blendung’, die dadurch entsteht, dass er sich bei den Räubern anerkannt sieht, weicht einer Ernüchterung und einer realistischen Beurteilung des Zusammenlebens der Räuber; er erkennt, dass eine Anerkennung durch sie wertlos ist, weil diese Art von Gemeinschaft wertlos ist, das heißt: sozial nicht gelungen; die Not führt zu Neid, Argwohn und Eifersucht.
Er hat Sehnsucht nach intakter Gesellschaft, nach geordneten Verhältnissen. Darum will er rechtschaffen werden, will er wiedergutmachen, was er der Gesellschaft angetan hat.Es ist zunächst die Nemesis (ausgleichende Gerechtigkeit), dann die Erfahrung der Güte, die Erfahrung der Anerkennung durch jemanden, der die Gesellschaft repräsentiert (findet einen positiven Vertreter des Gesetzes), die den Anstoß geben, die Gesellschaft wieder anzuerkennen, zu bereuen und zu sühnen.

zu 3.
siehe Klausur ‚Genese von Verbrechen’ zu 2.: das ‚Wozu’

zu 4. Dichter: Leser warm werden wie der Held - Geschichtsschreiber: Held wie Leser erkalten - episches Theater: ebenso, obwohl Dichtung

Alternativ:
Schreibe die Rede des Anklägers, des Verteidigers und das Urteil mit einer Urteilsbegründung, so wie sie bei dem Prozess gegen Christian Wolf vorgetragen worden sein könnten!
Nimm bei der Formulierung deiner Texte ausschließlich Bezug auf das, was Schiller in seiner Erzählung geschrieben hat!



Klassenarbeit: Genese von Verbrechen / Erläuterung der Einleitung

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