Komödien
Klausuren, Klassenarbeiten
Zusammenfasssung und Anm. Buch I und II
Textauswahl für den Unterricht erläutert
Vortrag über Thomas Morus und seine 'Utopia'
Bilder
Hannibal
Hamilkar
Opitz, Martin
Ortheil Hanns-Josef
Ars amatoria
'Im Westen nicht Neues'
'Der Tod hat hitzefrei'
Wallenstein
Die Jungfrau von Orleans
Der Verbrecher aus verlorener Ehre
'Der Vorleser'
Rede
'Das siebte Kreuz'
an Lucilius
Dramen
Antigone
Der Schimmelreiter
'Die Tulipan'
Tibull
Trakl
Aeneis
Eklogen
Martin Walser
Robert Walser
'Das Gold von Caxamalca'
'Frühlingserwachen'
Die Ermittlung
Gedichte
'Parzival'

2. Klassenarbeit 9c am 22.11.99
2 Unterrichtsstunden

Text: E. M. Remarque ‘Im Westen nichts Neues’ (Kiepenheuer & Witsch Köln 1998)

Thema: Wie zeigt sich im Roman das Verhältnis des einfachen Soldaten zum ‘Feind’?

Berücksichtige vom Roman auf jeden Fall die Gedanken Bäumers bei der Begegnung mit den russischen Kriegsgefangenen (8. Kapitel), das Gespräch über die Verursacher des Kriegs (9. Kapitel), die Worte, die Bäumer zu dem von ihm getöteten Franzosen spricht (9. Kapitel).
Berücksichtige auch S. 37, S. 83ff., S.177f. und andere Stellen, die dir gegenwärtig sind.

Die Soldaten der Länder, gegen die Deutschland Krieg führt, können von den in Remarques Roman ‘Im Westen nichts Neues’ dargestellten einfachen deutschen Soldaten nicht ohne weiteres als Feinde begriffen werden. Kat z. B. kennt keinen Franzosen aus der Zeit vor dem Krieg; ihm könne also auch kein Franzose etwas getan haben, meint er. Und Tjaden fühlt sich von keinem Franzosen beleidigt (S. 140) und sieht also keinen Grund, in den Franzosen den Feind zu sehen; und auch die übrigen einfachen Soldaten um Paul Bäumer kennen aus ihrer Sicht keinen Grund, warum sie einen Franzosen töten sollten.

Der Autor Remarque geht sogar noch einen Schritt weiter: die deutschen Soldaten seines Romans können in den ‘Kriegsgegnern’ nicht nur keine Feinde erkennen, sondern in extremen Situationen geht ihnen auf, dass die auf der anderen Seite Mitmenschen sind (dass du ein Mensch bist wie ich; S. 152), Kameraden, ja sogar Brüder im Sinne der Brüderlichkeit, die alle Menschen solidarisch zusammenschließt. So denkt Paul Bäumer nicht nur voller Entsetzen und Mitleid an die Kriegsverwundeten seines Vaterlands, sondern auch an die Frankreichs und Russlands.

Am eindeutigsten wird im Roman das Thema der Brüderlichkeit aller Menschen dargestellt, als Paul Bäumer sich bei Angriff und Gegenangriff in einem Trichter verbirgt und ein Franzose auf ihn stürzt; dreimal stößt Bäumer mit dem Messer zu, in panischer Angst, von dem Franzosen getötet zu werden. Der Franzose stirbt langsam unter großen Qualen und in Todesangst vor seinem Mörder. Das Stöhnen des Sterbenden erfüllt Bäumer mit Entsetzen und mit Schuldgefühl. Und Bäumer will ihm helfen, aber er kann ihm nicht einmal zu einem gnädigen Tod verhelfen, da er - nun bei vollem Bewusstsein - nicht noch einmal zustechen kann, seinen Revolver aber verloren hat. Die unmittelbare Nähe des Sterbenden bringt für Bäumer die Erkenntnis, dass der Franzose ein Mensch ist wie er, dass er, Bäumer, aus Angst vor den Waffen des Franzosen den Mitmenschen nicht gesehen hat, nur den Feind: Ich habe gedacht an deine Handgranaten, an dein Bajonett und deine Waffen - jetzt sehe ich deine Frau und dein Gesicht und das Gemeinsame. Und er kann nicht verstehen, wie der Krieg ihn in eine solche Lage zwingt, im Mitmenschen den Todfeind zu sehen: wie konntest du mein Feind sein. Ohne den Krieg, ohne Waffen und Uniform könntest du ebenso mein Bruder sein. (S. 152)

Während er dem Toten im Trichter gegenüberliegt, wird ihm deutlich, dass dieser Tote ein Mensch war, der seine Familie geliebt hat und einen interessanten Beruf hatte - die Brieftasche des Toten bringt ihm den Menschen nahe; und um so schmerzhafter wird ihm bewusst, was er vernichtet hat.

Die Absurdität, dass sich Menschen, die sich als Brüder verstehen möchten, als Feinde gegenüberstehen, erfährt Bäumer auch in der Begegnung mit den Russen im Gefangenenlager. Durch die Nähe zu diesen gefangenen ‘Feinden’ und durch die Ruhe, mit der Bäumer sie beobachten kann, entdeckt er die Menschen in ihnen, ihre Individualität, die er - wie bei dem Franzosen - aus dem Gesicht herausliest: Es ist sonderbar, diese unsere Feinde so nahe zu sehen. Sie haben Gesichter, die nachdenklich machen (S. 131) So kann er diese stillen Gestalten nicht als Feinde empfinden. Ihr Leben ist ... ohne Schuld ... Jeder Unteroffizier ist dem Rekruten, jeder Oberlehrer dem Schüler ein schlimmerer Feind als sie uns.

In diesem Zusammenhang wird auch die Frage nach der Ursache dieser Absurdität beantwortet: Es ist der Befehl der Regierungen, der diese stillen Gestalten zu unseren Feinden gemacht; ein Befehl könnte sie in unsere Freunde verwandeln. Dieser Krieg wird befohlen, weil er den Regierungen (S. 140) und den ihnen Nahestehenden nützt - so die Vermutung der einfachen Soldaten, die nach der Ursache des Kriegs fragen: Es muss Leute geben, denen der Krieg nützt - dem Kaiser und den Generälen durch Ruhm, der Kriegsindustrie durch Gewinn. Darum will Kropp, dass die Verantwortlichen in Badehosen, mit Knüppeln bewaffnet, aufeinander losgehen ... Das wäre einfacher und besser als hier, wo die falschen Leute sich bekämpfen (37). Statt dessen werden von den politisch Verantwortlichen die Völker gegeneinandergetrieben, die nicht wissen, warum sie töten: unwissend, töricht, gehorsam, unschuldig (S. 177)

Der zweite Grund, warum die Soldaten dennoch ... auf sie (die ‘Feinde’) schießen und sie auf uns, - in bestimmten Situation jedenfalls - ist die sich aus diesem Befehl ergebende Notsituation, zu töten oder getötet zu werden. In dieser Situation werden die Soldaten zu Automaten ... , willenlos und doch wahnsinnig wild. Der Erzähler weiß: wir wollen töten, denn das dort sind unsere Todfeinde jetzt ... vernichten wir sie nicht, dann vernichten sie uns! (84f.) So zögert zwar Bäumer einen Moment lang, eine Handgranate auf einen Franzosen zu werfen; in dem Augenblick aber, als er glaubt, sein Gegenüber werde eine Granate werfen, kommt er ihm zuvor. Sie würden sogar in Angst und Wut und Lebensgier ihren eigenen Vater töten, wenn er auf Seiten des Feinds auf sie zukäme (S. 84).

Wenn dieser Wahnsinn vorbei, der Feind getötet ist, bekommt das klare, richtige Wissen wieder sein Recht: das Wissen des Herzens, dass der Feind eigentlich der Bruder ist. Dieses Wissen ist dargestellt zur Mahnung, dass Menschen erst gar nicht zu Todfeinden werden, dass sie sich nie in einen Krieg einlassen, denn für die Toten kommt diese Erkenntnis zu spät. Dieses Wissen zu verbreiten ist für Bäumer das Ziel, das Große, das Einmalige, ... das ich suchte als Daseinsmöglichkeit nach dieser Katastrophe aller Menschlichkeit, ist es eine Aufgabe für das Leben nachher, würdig der Jahre des Grauens.



Feindbild - Vergleich mit Lerschs 'Brüder' / 'Im Westen nicht Neues'

HaftungsausschlussImpressum