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5. Klassenarbeit 9a und c am 11.05.99
2 Unterrichtsstunden

Erkläre das Gedicht von Heinrich Lersch, indem du es zu Situationen aus Remarques ‘Im Westen nichts Neues’ (Kiepenheuer & Witsch Köln 1998) in Beziehung setzt. Diese Situationen müssen so dargestellt sein, dass der Leser deines Aufsatzes, der den Roman nicht kennt, die Situation und auch die Beziehung zum Gedicht versteht.

Berücksichtige vom Roman auf jeden Fall
die Gedanken Bäumers bei der Begegnung mit den russischen Kriegsgefangenen (8. Kapitel),
das Gespräch über die Verursacher des Kriegs (9. Kapitel),
die Worte, die Bäumer zu dem von ihm getöteten Franzosen spricht (9. Kapitel).

Wenn du noch Zeit hast, berücksichtige auch S. 37, 84f., S.177f. und andere Stellen, die dir gegenwärtig sind.


Heinrich Lersch
(1889-1936)

Brüder

Es lag schon lang ein Toter vor unserm Drahtverhau,
die Sonne auf ihn glühte, ihn kühlte Wind und Tau.

Ich sah ihm alle Tage in sein Gesicht hinein,
und immer fühlt' ich's fester: Es muss mein Bruder sein.

Ich sah in allen Stunden, wie er so vor mir lag,
und hörte seine Stimme aus frohem Friedenstag.

Oft in der Nacht ein Weinen, das aus dem Schlaf mich trieb;
mein Bruder, lieber Bruder - hast du mich nicht mehr lieb?

Bis ich, trotz aller Kugeln, zur Nacht mich ihm genaht
und ihn geholt. - Begraben: - Ein fremder Kamerad.

Es irrten meine Augen. - Mein Herz, du irrst dich nicht;
es hat ein jeder Toter des Bruders Angesicht.


Der Tote des Gedichts soll hier als ein Soldat des Feinds interpretiert werden (Es könnte auch ein dem ‘Ich’ unbekannter Kamerad des eigenen Volkes sein.).
Die Situation der ersten Strophe: ein Toter vor dem Drahtverhau des Schützengrabens, ein Soldat des Feinds, der bei einem Angriff erschossen wurde und den niemand holt, weil der Bereich zwischen den Schützengräben ständig beschossen wird: diese Situation ist aus Remarques Roman bekannt, immer wieder wird von Remarque auf diese irrsinnige Art des Tötens im Ersten Weltkrieg verwiesen.
In der zweiten Strophe wird die Vorstellung formuliert, die ein Leitthema in Remarques Roman ist: der tote Feind, der dort liegt, ist eigentlich mein Bruder.
Zunächst mag es eine Wahnvorstellung sein, entstanden in der extremen Situation eines Soldaten im Schützengraben, der tagelang einen Toten vor Augen hat: diesen Toten kenne er schon lange wie einen leiblichen Bruder, und in Alpträumen des Soldaten klagt dieser Bruder, dass er nicht begraben werde, und fragt klagend: hast du mich nicht mehr lieb? - möglicherweise eine Reaktion auf das Schuldgefühl dessen, der nicht den Mut hat, den toten Bruder zu begraben.
Als der Soldat trotz aller Kugeln den Toten holt und begräbt, erkennt er, dass es ein fremder, ein Soldat des Feinds ist, aber er erkennt auch - mit dem Herzen - dass dieser Feind sein Bruder ist.
Dass ein jeder Toter ... des Bruders Angesicht (hat), wird im Roman am eindeutigsten dargestellt, als Paul Bäumer sich bei Angriff und Gegenangriff in einem Trichter verbirgt und ein Franzose auf ihn stürzt; dreimal stößt Bäumer mit dem Messer zu, in panischer Angst, von dem Franzosen getötet zu werden. Der Franzose stirbt langsam unter großen Qualen und in Todesangst vor seinem Mörder. Das Stöhnen des Sterbenden erfüllt Bäumer mit Entsetzen und mit Schuldgefühl wie den Soldaten im Gedicht, der in seinem Alptraum den Toten klagen hört: mein Bruder, lieber Bruder - hast du mich nicht mehr lieb? Und Bäumer kann ihm nicht zu einem gnädigen Tod verhelfen, da er - nun bei vollem Bewusstsein - nicht noch einmal zustechen kann, seinen Revolver aber verloren hat. Die unmittelbare Nähe des Sterbenden bringt für Bäumer die Erkenntnis, dass der Franzose ein Mensch ist wie er, dass er, Bäumer, aus Angst vor den Waffen des Franzosen den Mitmenschen nicht gesehen hat, nur den Feind: Ich habe gedacht an deine Handgranaten, an dein Bajonett und deine Waffen - jetzt sehe ich deine Frau und dein Gesicht und das Gemeinsame. Und er kann nicht verstehen, wie der Krieg ihn in eine solche Lage zwingt, im Mitmenschen den Todfeind zu sehen: wie konntest du mein Feind sein. Ohne den Krieg, ohne Waffen und Uniform könntest du ebenso mein Bruder sein.
Während er dem Toten im Trichter gegenüberliegt, so wie im Gedicht der Soldat dem Toten alle Tage in sein Gesicht hinein sieht, wird ihm deutlich, dass dieser Tote im frohen Friedenstag ein Mensch war, der seine Familie geliebt hat und einem Beruf hatte, der ihn ausfüllte, - die Brieftasche des Toten ist gleichsam dessen Stimme aus frohem Friedenstag. Und um so schmerzhafter wird ihm bewusst, was er vernichtet hat.
Diese Erfahrung macht Bäumer auch in der Begegnung mit den Russen im Gefangenenlager: Ihr Leben ist namenlos und ohne Schuld; persönlich kann er diese stillen Gestalten nicht als Feinde empfinden. Jeder Unteroffizier ist dem Rekruten, jeder Oberlehrer dem Schüler ein schlimmerer Feind als sie uns.
Die Frage, wieso sich Menschen, die sich als Brüder verstehen möchten, als Feinde gegenüberstehen, wird im Gedicht nur indirekt gestellt, indem ein solch widersinnig erscheinendes Verhalten nach einer Erklärung verlangt. Der Roman dagegen geht ausführlich auf diese Frage ein: Es ist der Befehl der Regierungen, der diese stillen Gestalten zu unseren Feinden gemacht; ein Befehl könnte sie in unsere Freunde verwandeln.
Dieser Krieg wird befohlen, weil er den Regierungen und den ihnen Nahestehenden nützt - so die sicher richtige Vermutung der einfachen Soldaten: Es muss Leute geben, denen der Krieg nützt. Darum will Kropp, dass die Verantwortlichen in Badehosen, mit Knüppeln bewaffnet, aufeinander losgehen ... Das wäre einfacher und besser als hier, wo die falschen Leute sich bekämpfen.
Der zweite Grund, warum die Soldaten dennoch ... auf sie (die ‘Feinde’) schießen und sie auf uns, - in bestimmten Situation jedenfalls - ist die sich aus diesem Befehl ergebende Notsituation, zu töten oder getötet zu werden. In dieser Situation werden die Soldaten zu Automaten... , willenlos und doch wahnsinnig wild. Der Erzähler weiß: wir wollen töten, denn das dort sind unsere Todfeinde jetzt ... vernichten wir sie nicht, dann vernichten sie uns! (84f.)
Wenn dieser Wahnsinn vorbei, der Feind getötet ist, bekommt das klare, richtige Wissen wieder sein Recht: das Wissen des Herzens, dass ein jeder Toter des Bruders Angesicht (hat). Dieses Wissen ist im Gedicht dargestellt zur Mahnung, dass Menschen erst gar nicht zu Todfeinden werden, dass sie sich nie in einen Krieg einlassen, denn für die Toten kommt diese Erkenntnis zu spät. Dieses Wissen zu verbreiten ist für Bäumer das Ziel, das Große, das Einmalige, ... das ich suchte als Daseinsmöglichkeit nach dieser Katastrophe aller Menschlichkeit, ist es eine Aufgabe für das Leben nachher, würdig der Jahre des Grauens.



Klassenarbeit: Feindbild

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