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Thomas Morus, ‘Utopia’
(Zusammenfassung)
Diese Zusammenfassung stützt sich u. a. auf die Übersetzung von Klaus J. Heinisch (Rowohlt) und die Ausgabe von J. Klowski (Hirschgraben-Verlag).

U-topia bedeutet ‚Nirgend-Land‘, in englischer Aussprache ist ‚u-topia‘ homophon zu ‚eu-topia‘: ‚Glückliches Land‘ – Tomas Morus spielt selbst in einem Gedicht mit diesem Gleichklang und lässt Utopia sprechen: „Glückliches Land, Eutopia, verdiente ich zu heißen.“
Der Text ist in zwei Bücher aufgeteilt (Umfang Buch I zu Buch II entspricht etwa 1:2)
Das Erste Buch enthält Kritik an der bestehenden europäischen Staats- und Gesellschaftsordnung und bereitet in einer Art Rahmenerzählung das Umfeld, in dem die Gesellschaftsordnung Utopias (das Zweite Buch) dargestellt, dem sie gegenübergestellt wird. Das erste Buch ist als Dialog gestaltet, das zweite als Bericht eines Entdeckungsreisenden, der in Utopia gelebt hat. Mit einer Schlussbemerkung an den Leser (Epilog) schließt Thomas Morus das Werk ab.



Das Erste Buch

Voraussetzungen und Schwierigkeiten bei der Abfassung des Werkes
Dem eigentlichen Ersten Buch ist als Vorwort ein 1516 geschriebener Brief des Thomas Morus an den Humanisten Petrus Ägidius vorangestellt. Thomas Morus hatte Petrus Ägidius ein Jahr zuvor in Antwerpen getroffen und dort mit ihm zusammen den Bericht des Entdeckungsreisenden Raphael Hythlodäus über Utopia gehört. Thomas Morus weist in seinem Brief darauf hin, dass er in seinem Buch ‚Utopia’ nur das wiedergebe, was Raphael Hythlodäus erzählt habe, und zwar auch in dessen Stil. Die Erzählung dieses Raphael sei, weil ‚augenblicksgebunden’, schlicht (non exquisitus) gewesen; zudem sei Raphael „nicht so sehr des Lateinischen mächtig“; daher ergebe sich auch bei der Wiedergabe eine „lässige Schlichtheit“, die der Wahrheit nur dienlich sein könne. Überdies möge Petrus Ägidius Raphael Hythlodäus noch um Korrekturen und Ergänzungen bitten, bevor der Bericht über Utopia herausgegeben werde. Zum Beispiel habe er – Thomas Morus – beim Gespräch mit Raphael Hythlodäus versäumt nachzufragen, wo Utopia denn eigentlich liege.

Die Gesandtschaft nach Flandern
Nach diesem Brief berichtet Thomas Morus genauer über seine Unterhändlertätigkeit für Heinrich VIII. in Brügge (1515). Es gab handelspolitische Streitigkeiten zwischen Heinrich und Karl, dem Herzog von Flandern und späteren Kaiser Karl V.. Als sich die Verhandlungen hinauszögerten, habe er sich mit Petrus Ägidius in Antwerpen getroffen und sei - durch Petrus Ägidius vermittelt - Raphael Hythlodäus begegnet.

Der Weltreisende und sein Reisebericht
Raphael Hythlodäus hatte mit Amerigo Vespucci die Küsten Brasiliens erkundet, sich dann aber von ihm getrennt und, statt heimzukehren, sich in die entgegengesetzte Richtung aufgemacht, so dass er schließlich über Indien nach Europa zurückkehrte. Auf dieser Reise habe er, so erzählt er Thomas Morus, bei einer Reihe von Völkern manches kennengelernt, „was man zum Vorbild nehmen könnte, um die Missstände der hiesigen Städte und Staaten, Völker und Reiche zu verbessern“1).
Thomas Morus will zunächst davon nur das über Utopia Erzählte berichten, zuvor aber noch über ein Gespräch zwischen Raphael, Petrus und ihm, das eine wesentliche Voraussetzung für die Darstellung Utopias ist.

Der Philosoph als Fürstendiener
In diesem Gespräch geht es als erstes um die Frage, ob Raphael angesichts seiner großen Kenntnisse nicht als Ratgeber in den Dienst eines Königs treten wolle. Raphael lehnt ab, auch als Morus mit Nachdruck versucht, ihn in die Pflicht zu nehmen, „deine Begabung und deinen Fleiß der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen“2).
Seine ablehnende Haltung begründet er damit, dass „sich die meisten, ja alle Fürsten lieber mit militärischen Dingen, von denen ich nichts verstehe und nichts verstehen will, als mit den heilsamen Künsten des Friedens beschäftigen“3) und dass sie „viel mehr darauf bedacht sind, sich durch Recht oder Unrecht neue Reiche zu erwerben als das Erworbene gut zu verwalten“.4)
Die Berater der Fürsten seien neuen Ideen nicht zugänglich, weil sie fürchteten, dass „der ganze Ruf ihrer Weisheit auf dem Spiel stehe“5). Deshalb klammerten sie sich an überkommenen Einrichtungen und „überhebliche, widersinnige und törichte Vorurteile“6). Das habe er auch erfahren müssen, als er einige Monate in England lebte.

Kardinal Morton
Dort habe er am Hofe des Erzbischofs von Canterbury, des Kardinals und damaligen Lordkanzlers von England Johannes Morton gelebt; dessen Charakter, Wissen, Intellekt und Lebensklugheit habe er sehr schätzen gelernt.

Kritik an der Todesstrafe für Diebe
An dessen Tafel, so berichtet Hythlodäus seinen beiden Gesprächspartnern, lobte eines Tages ein Jurist, dass in England so viele Diebe erhängt würden. Er wunderte sich jedoch, dass man dennoch der Diebsplage nicht Herr werde.
Er solle sich nicht wundern, hatte Hythlodäus ihm entgegnet; auf diese Weise sei keine Besserung zu erreichen; „denn diese Bestrafung der Diebe geht über das gerechte Maß hinaus und liegt auch nicht im Interesse des Staates. ... Und keine Strafe ist so groß, dass sie diejenigen vom Stehlen abhält, die keine andere Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Demnach scheint in dieser Sache nicht nur ihr, - so Hythlodäus zu den Juristen Englands allgemein - sondern ein guter Teil dieser Welt schlechte Lehrer nachzuahmen, die die Schüler lieber verprügeln als belehren. Es werden nämlich für den Dieb schwere und grauenhafte Strafen festgesetzt, während vielmehr dafür gesorgt werden müsste, dass es für sie irgendeinen Lebensunterhalt gibt, damit nicht jemand der so schrecklichen Notwendigkeit unterworfen ist, zunächst zu stehlen, dann zu sterben.“7)
Zu Dieben würden die Menschen also durch ihre Not. Wenn man die Not als Ursache nicht beseitige, kuriere man nur an den Symptomen herum.
Der Jurist hatte gemeint, dass diese Spitzbuben doch als Handwerker oder Bauern ihren Unterhalt verdienen könnten.

Die Herkunft der Diebe
Diese Bemerkung nahm Hythlodäus zum Anlass, die gesellschaftlichen und ökonomischen Gründe für die Verelendung vieler Menschen in England darzustellen: Eine erste Gruppe dieser Menschen besteht aus den Kriegsveteranen, deren Gesundheit vom Staat ausgebeutet wurde und deren „Kriegsbeschädigung sie hindert, ihr früheres Handwerk zu betreiben, ihr Alter, ein neues zu erlernen“8).
Eine weitere Gruppe bildet eine große Zahl von Adligen, „die selbst müßig wie Drohnen von der Arbeit anderer leben, die sie ... bis aufs Blut schinden“9). Sie verschwenden das Erpresste, bis sie betteln müssen. Ähnlich geht es ihren Gefolgsleuten. Diese haben nichts gelernt und können sich, von ihren Herren entlassen, nicht selbst ernähren.

Die Söldnerplage
Als jener Jurist darauf verwies, sie seien doch als Söldner brauchbar, entgegnet Hythlodäus mit einer Verurteilung des Söldnertums: "Ein Krieg müsste gesucht“10), „Menschen sinnlos abgeschlachtet werden“11), damit die Söldner im Training bleiben. Es sei gefährlich, „derartige Bestien“12) zu nähren, denn die Geschichte lehre, dass „eigene stehende Söldnerheere bei jeder möglichen Gelegenheit nicht nur die Regierung gestürzt, sondern auch die Äcker verwüstet und sogar befestigte Städte zerstört haben“13). Es scheine (ihm) "für den Staat keineswegs zuträglich zu sein, für den eventuellen Kriegsfall, den ihr niemals habt, außer wenn ihr ihn wollt, eine unabsehbare Schar dieser Art von Menschen zu nähren, die den Frieden gefährdet, für den man viel größere Sorge tragen sollte als für den Krieg."14)

Die Schafzucht
Das eigentliche Problem der Verelendung ergebe sich aus der Vernichtung vieler kleiner landwirtschaftlicher Betriebe durch die aufkommende Viehhaltung (Schafe) der Landbesitzer; mit der Schafzucht seien größere Profite zu machen (Feinere Wolle hat Konjunktur, es werden nur wenig Arbeitskräfte - Hirten - gebraucht.). Hythlodäus äußerte sich in der Runde bei Kardinal Morton empört über das Vorgehen der adligen und kirchlichen Großgrundbesitzer: "Damit also ein einziger Prasser, eine unersättliche und unheilvolle Pest für sein Vaterland, einige tausend Morgen zusammenhängenden Ackerlandes mit einem einzigen Zaun einfrieden kann, werden die Pächter vertrieben. Durch Lug und Trug umgarnt oder mit Gewalt unterdrückt, werden sie ihres Eigentums beraubt15) oder, durch Schikanen zermürbt, zum Verkauf gezwungen."16)
So sei eine große Zahl von Ackerbauern und deren Familien ohne eigenes Verschulden erwerbslos geworden und verarmt. „Was bleibt ihnen schließlich anderes übrig, als zu stehlen und - natürlich nach Recht und Gerechtigkeit - gehenkt zu werden.“17)

Die Inflation
Durch die Vertreibung der Pächter von ihren Höfen habe sich Lebensmittelknappheit und entsprechende Teuerung ergeben. Aber auch die Wolle sei teurer geworden, da durch die Monokultur „eine Seuche eine unzählbare Menge von Schafen hinwegraffte“18). Als die Herden wieder angewachsen seien, sei die Wolle nicht billiger geworden, wie man nach Marktgesetzen erwarten könnte, sondern der Preis sei künstlich hochgehalten worden. Der Handel mit den Herden sei "nämlich fast ganz in die Hände weniger19) und zwar derselben reichen Leute geraten, die keine Notwendigkeit drängt, sie früher zu verkaufen, als sie wollen; und sie wollen nicht früher, als bis es möglich ist, so teuer zu verkaufen, wie man will."20) Die Inflation führe dann zu weiteren Entlassungen und weiterer Arbeitslosigkeit.

Notwendigkeit der Änderung
Die einzige Lösung sei es, die Gesetze zu ändern, so dass die Reichen nicht mehr die alleinigen Landbesitzer sind und wieder ‚normale‘ Landwirtschaft betrieben werden kann.

Todesstrafe – zweckmäßige Bestrafung
Ehe der Jurist zu einer Entgegnung ansetzen konnte, bat der Kardinal Hythlodäus, auf das Ausgangsproblem - die Todesstrafe für Diebe - zurückzukommen. Welche andere Strafe wenn nicht die Todesstrafe könne vom Diebstahl abschrecken? Hythlodäus äußerte zunächst grundsätzliche Bedenken gegen die Todesstrafe („Mit dem menschlichen Leben könne nicht einmal durch alle Glücksgüter die Rechnung ausgeglichen werden.“
21)): „Gott hat verboten zu töten, und wir töten so leicht wegen eines entwendeten Groschens.“22) Ein göttliche Gebot (‚Du sollst nicht töten‘) werde von Rechts wegen für die Ahndung eines minimalen Eigentumsdelikts verletzt; menschliches Recht werde über göttliches gesetzt. Wie könne dann verhindert werden, dass „die Menschen in allen Dingen festsetzen, wieweit es passend sei, göttliches Gebot zu beachten."
23)

Soweit die grundsätzlichen Überlegungen des Hythlodäus. Für die juristische Praxis überlegt er, dass die Todesstrafe für einen Raub sinnlos sei, weil sie den Räuber verführe, den Beraubten auch zu töten; er habe ja nichts zu verlieren. Wenn er ergriffen werde, sei die Strafe für Raubmord nicht höher als die für Raub; und er habe einen Zeugen beseitigt, also eine größere Chance, nicht ergriffen zu werden.
Bei der Frage nach einer „zweckmäßigen Bestrafung“24) verwies Raphael Hythlodäus auf Vorbilder: Die Gesetzgebung des Moses habe Diebstahl durch Zahlung geahndet, die Römer durch Verurteilung zur Arbeit in Minen und Steinbrüchen. Ein mögliches Vorbild sei die Praxis des persischen Volkes der Polyleriten. Hier würden die Diebe zu unfreier Arbeit verpflichtet, nachdem sie den Schaden an den Bestohlenen ausgeglichen hätten.
Der Kardinal schlug vor, diese Praxis auszuprobieren und es einmal auf ein Experiment ankommen zu lassen.

Soweit des Hythlodäus Bericht über die Diskussion bei Kardinal Morton. Thomas Morus ist erfreut, dass Hythlodäus so positiv über Kardinal Morton, an dessen Hof er als Knabe erzogen wurde, gesprochen hat.

Der Philosoph als Staatsmann
Auch durch diese Schilderung seiner Erfahrungen in England hat Raphael nicht erreicht, Morus umzustimmen. Der beharrt auf seiner Meinung, dass ein so tüchtiger Mann wie Raphael in den Dienst eines Königs treten sollte, und er verweist auf Plato, der gemeint hat: „die Staaten würden erst dann glücklich, wenn entweder die Philosophen regierten oder die Könige philosophierten. Wie fern aber ist das Glück“ – so meint Thomas Morus -, „wenn die Philosophen nicht einmal geruhen, den Königen ihren Rat zu erteilen.“25)
Die Philosophen hätten durch ihre Schriften das Ihrige getan, erwidert Hythlodäus; aber die Herrschenden, „von Kindheit an mit verkehrten Auffassungen durchtränkt“26), seien unzugänglich für die Ratschläge der Philosophen.

Kritik des Expansionstriebs der Könige
Als weitere Begründung seiner Ablehnung führt Raphael Hythlodäus den grenzenlosen Expansionstrieb der Könige an: Bei ihren Beratungen gehe es nur darum, wie und mit welchen Mitteln man das Reich vergrößern könne. Beispiel sei der französische König, der, um neues Land zu gewinnen, in skrupelloser Manier Verträge schließe und diese nur einhalte, solange sie ihm nützten. Solche Gebietserweiterungen seien aber völlig sinnlos, wie das Beispiel der Achorier gezeigt habe; der Aufwand, ein vergrößertes Reich und dazu noch ein unterworfenes Volk zu beherrschen, ruiniere nur den eigenen Staat. Wenn er aber aus solchen Gründen einem Fürsten rate, er sollte sich doch lieber darum kümmern, das angestammte Reich besser zu verwalten, statt ständig zu versuchen neues Land zu erobern, „>mit was für Ohren, mein lieber Morus, glaubst du wohl, würde eine solche Rede aufgenommen werden?< >Wahrlich nicht mit sehr geneigten!< sagte ich.“27)
Desweiteren setzt Hythlodäus den Fall, dass die Ratgeber eines Königs mit allen Tricks versuchten, den Reichtum des Königs zu vergrößern; sie würden empfehlen, den Geldwert zu erhöhen oder zu senken, wie es für die Geschäfte des Königs nützlich sei; sie schlügen vor, Krieg vorzutäuschen, alte Gesetze auszugraben und deren Übertretung hoch zu bestrafen, Privilegien zu verkaufen; das Recht so zu verdrehen, dass Prozesse immer zugunsten des Königs ausgingen; vor allem solle der König seinen Untertanen so viel wegnehmen – das sei kein Unrecht, da ja schließlich ihm alles gehöre -, dass sie am Existenzminimum lebten; das liege auch deshalb im Interesse des Fürsten, weil „Armut und Not die Menschen abstumpften, geduldig machten und den Unterdrückten den kühnen Geist der Empörung austrieben“28).
Wenn nun Raphael Hythlodäus dagegen spräche und forderte, dass der Herrschende für das Volk dasein müsse und nicht das Volk für den Herrschenden, wenn er darauf verweise, dass im Gegensatz zu der Meinung jener Ratgeber sich ein wohlhabendes und glückliches Volk besser regieren lasse als ein verarmtes - da sei der Fürst wirklich König und nicht Kerkermeister -, wenn er fordern würde, dass der König nur eine gesetzlich festgesetzte Summe im Staatsschatz haben dürfe, er würde auf taube Ohren stoßen.
Das bestätigt Morus und meint, es sei auch nicht angebracht, im Rat des Fürsten solche „akademische, idealistische Philosophie“29) zu äußern, weil die Vorurteile verhinderten, dass ihr Sinn überhaupt begriffen würde. Hythlodäus sieht sich in seiner Meinung bestätigt: „Bei Fürsten sei kein Raum für Philosophie.“30)

Idealistische und praktische Philosophie
Morus hält entgegen: Wenn die Menschen sich nicht zu einer völligen Umkehr bewegen ließen und ein radikaler Gesinnungswandel nicht durchzusetzen sei, dürfe der Philosoph „nicht den Staat im Stich lassen und im Sturm das Schiff aufgeben, weil du den Winden nicht wehren kannst“31). Auch der Philosoph müsse sich an der politischen Wirklichkeit orientieren und zufrieden sein, wenn er auf diplomatischem Weg überhaupt etwas Positives erreiche, selbst wenn dies nur darin bestehe, das Schlimmste zu vereiteln. „Denn dass alles gut ist, kann nur geschehen, wenn alle Menschen gut sind; aber das erwarte ich für die nächsten Jahre noch nicht.“32)
Dem Radikalismus des Hythlodäus setzt Morus also seine kompromissbereite ‚Realpolitik’ entgegen. Hythlodäus aber glaubt nicht, dass fundamentale Programme den Gegebenheiten angepasst werden können, ohne dass man sie preisgibt.

Das Privateigentum als Hindernis gerechter Politik
Hythlodäus sieht keine Möglichkeit eines Kompromisses, er will nicht Feigenblatt für die „Bösartigkeit und Dummheit“33)der Fürsten und ihrer Berater sein. Vor allem wenn er die Reaktion der Besitzenden auf seine These bedenkt, dass „es kaum jemals möglich sein wird, gerechte oder erfolgreiche Politik zu betreiben, wo es noch Privateigentum gibt, wo alle alles nach dem Wert des Geldes messen“34), sieht er keine Chance, ernsthaft Einfluss nehmen zu können; und „ein Helfer des Unsinns“35) will er nicht werden, er will nicht eine Gesellschaft, in der wegen des Privateigentums „immer das Beste den Schlechtesten zufällt“36), in der „alles an ganz wenige verteilt wird“37).
Um diese These vom Nachteil des Privateigentums abzusichern, verweist Hythlodäus auf die christliche Lehre in ihrer Urform, die ja das Gemeineigentum kennt38). „Die Verkehrtheit der Menschen“39) sorge dafür, dass dieses Urchristentum als „abwegig“40) erscheine. Die christlichen Prediger hätten ein Talent dafür, die christliche Lehre mit der bestehenden Praxis in Einklang zu bringen und zu verfälschen: „Da nämlich die Menschen ihre Sitten nur ungern der Vorschrift Christi anpassen ließen, glichen sie seine Lehre wie ein bleiernes Richtmaß den Sitten an, damit beide wenigstens auf irgendeine Weise zusammenpassten.“41)
Zuletzt stellt nun Hythlodäus ausführlicher die Vorteile des Gemeineigentums dar, wie er sie bei den Utopiern kennengelernt hat. Deren Staat sei so eingerichtet, „dass einerseits die Leistung ihren Lohn findet, andererseits infolge der allgemeinen Gleichheit allen alles reichlich zugemessen ist“42). Und Hythlodäus beruft sich auf Plato, der meint, "dass es nur einen einzigen Weg zum Heile des Staates gebe, wenn nämlich die Gleichheit des Besitzes verkündet wird, die schwerlich eingehalten werden kann, wo die einzelnen noch Privateigentum haben. Denn wenn ein jeder unter gewissen Rechtstiteln, soviel er nur kann, an sich reißt, so kann die Menge der vorhandenen Güter noch so groß sein: diese teilen doch nur wenige in Gänze unter sich auf und lassen den übrigen die Armut."43)
Wo immer es Privatbesitz gebe, könne es also keine Gerechtigkeit geben: „Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass der Besitz nicht auf irgendeine gleichmäßige und gerechte Weise verteilt oder die Geschicke der Menschen glücklich gestaltet werden können, solange nicht das Privateigentum gänzlich aufgehoben ist; solange es aber besteht, wird immer auf dem weitaus größten und weitaus besten Teile der Menschheit die drückende und unvermeidliche Bürde der Armut und des Kummers lasten. Man wird sie - das gebe ich zu - ein klein wenig erleichtern können; sie gänzlich aufzuheben - das behaupte ich - ist unmöglich.“44)
Eine solche Erleichterung ergebe sich beispielsweise durch ein Gesetz „dass keiner über ein bestimmtes Maß hinaus Land besitzen soll“45) oder sonstiges Vermögen. Ein solches Umverteilen sei aber nur ein Kurieren an Symptomen und keine wirkliche Heilung.
Morus ist entgegengesetzter Auffassung46). Für ihn würde durch die Einführung des Gemeineigentums die Wirtschaft zerrüttet und die staatliche Ordnung zerstört.
"Denn wie soll die Menge der Güter ausreichen, wenn sich jeder vor der Arbeit drückt, da ihn keinerlei Zwang zu eigenem Erwerb drängt und ihn das Vertrauen auf fremden Fleiß faul macht? Aber selbst wenn die Not die Menschen antreibt und keiner als das Seine (als Eigentum) durch irgendein Gesetz sichern kann, was er erworben hat, wird er dann nicht zwangsläufig beständig von Mord und Aufruhr bedroht werden?"47)

Preis der Utopier
Dass Morus so denkt, erscheint Hythlodäus durchaus verständlich, da dieser ja Utopia nicht kenne. „Ich habe mehr als fünf Jahre dort gelebt und hätte niemals mehr fortgehen wollen, außer um diese Welt bekannt zu machen.“48) Utopia sei der besteingerichtete Staat, und zwar gerade deswegen, weil es dort kein Privateigentum gebe. Durch diese Lobpreisung Utopias macht er seine Zuhörer, Petrus und Thomas, neugierig, so dass sie ihn auffordern, ausführlich über die Insel zu berichten.





Zusammenfasssung Buch I und II und Anm. / Zusammenfassung der 'Utopia' Buch 2

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