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Anna Seghers‘ ‚Das siebte Kreuz‘ und Hans Werner Henzes ‚Neunte Sinfonie‘
Vortrag gehalten am 28. November 2013 im Kolumbarium Kreuzkirche Kleineichen

Es ist hier ein Ort der Totenruhe, und auch im Folgenden geht es um die Toten, aber nicht um deren Ruhe und Frieden.
Gleichsam als Kontrapunkt zum Frieden dieses Kolumbariums werden Sie gleich hören: „Der Tod ist ein einziger Schmerz.“

Hans Werner Henze, einer der ganz großen Komponisten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat sich für seine 9. Sinfonie von dem berühmten Roman
‚Das siebte Kreuz‘ der Anna Seghers inspirieren lassen, von dessen Darstellung des Leids der Verfolgten, Gequälten, von dessen Klage über Unmenschlichkeit.
Henze hat diese Darstellung gleichsam nachkomponiert.

Im Folgenden möchte ich darlegen, wie sich die Sinfonie auf den Roman bezieht,
und auf diesem Weg ein wenig über die beiden großen Werke mitteilen. Sie hören eine Stunde Vortrag und 22 Minuten Musik – kürzer konnte ich es nicht machen.

Bevor ich auf die Werke eingehe, einige Informationen über deren Urheber:

(zu Anna Seghers Biographie)
Anna Seghers wurde im Jahr 1900 in Mainz geboren.
Sie war die Tochter des dort ansässigen jüdischen Kunsthändlers Isidor Reiling,
studierte ab 1920 Philologie, Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie.
1924 schrieb sie ihre Promotion über ‚Jude und Judentum im Werke Rembrandts‘,
1928 trat sie in die KPD ein.
Ursachen für diese Entscheidung waren die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs,
die Oktoberrevolution und ihre Folgen
und die Begegnung mit den durch die Gegenrevolution aus ost- und südosteuropäischen Ländern vertriebenen Revolutionären;
unter diesen befand sich auch ihr zukünftiger Mann, den sie 1925 heiratete und mit dem sie zwei Kinder hatte.
Und sie wurde Mitglied des Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller.

1933 wurde sie verhaftet und floh nach ihrer Freilassung nach Paris, wo sie sieben Jahre, also bis 1940 blieb.

Zu den schriftstellerischen Prinzipien der Anna Seghers gehörte es, genau zu recherchieren, bevor sie schrieb – so reiste sie 1934 nach Österreich,
um über den Februar-Aufstand der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP)
gegen die Diktaturregierung Dollfuß zu recherchieren, bevor sie den Roman ‘Der Weg durch den Februar’ schrieb.
Zur Recherche für ihren nächsten Roman ‚Die Rettung‘ fährt sie in das belgische Kohlengebiet, die Borinage.

Für ihren Roman ‚Das siebte Kreuz‘ konnte sie nicht vor Ort recherchieren
– es gab für sie als Jüdin und Kommunistin kein Zurück nach Deutschland.
Sie war auf schriftliche und mündliche Nachrichten von Flüchtlingen angewiesen,
die die Grausamkeiten der Nazi-Diktatur, insbesondere deren KZs erfahren hatten.
Auch so entstand ein realistisches Bild vom Deutschland des Dritten Reichs.

Mit Kriegsbeginn 1939 war ihr Mann in das berüchtigte Lager Le Vernet bei Toulouse interniert worden.
1940 flieht Anna Seghers unter Todesgefahr aus Paris in das unbesetzte,
aber vom Vichy-Regime verwaltete Südfrankreich, in die Nähe des Internierungslagers.
1941 gelingt ihr mit Mann und Kindern von Marseille aus auf Umwegen die Ausreise
nach Mexiko, das eine linke Regierung hatte und für die Asylanten Europas ein wichtiger Zufluchtsort wurde.
Die Probleme um die Ausreise hat sie in dem kafkaesken Roman ‚Transit‘ verarbeitet.
1943 wurde ihre Mutter in Auschwitz ermordet; der Vater war 1940 gestorben.
1947 kehrt Anna Seghers nach Deutschland zurück, und zwar in die DDR.
Bis 1978 war sie Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR, dann Ehrenvorsitzende.
1983 ist sie verstorben.

(zum Roman ‚Das siebte Kreuz‘)
1937 hatte Anna Seghers die Arbeit an ihrem Roman ‚Das siebte Kreuz‘ begonnen;
Christa Wolf sagt von ihm, er sei von „bestürzender Vollkommenheit“.
Im Dezember 1939 war er beendet.
Im mexikanischen Exilverlag „El Libro Libre“ („Das Freie Buch“) wurde der Roman Anfang1943 in deutscher Sprache veröffentlicht.
Vorher schon – September 42 – erschien das Buch in englischer Übersetzung.
Der österreichisch-amerikanische Regisseur Fred Zinnemann, der den Roman als „eine Legende über die Würde des Menschen von biblischem Ausmaß“ bezeichnete, verfilmte ihn 1944 und wurde heftig angegriffen, weil er auch ‚gute‘ Deutsche zeigte, was der Tendenz des Romans ja auch entsprach.
Zu der von Teilen der Amerikaner propagierten Kollektivschuld aller Deutschen
passte eine solche Tendenz nicht.
Roman und Film waren in den USA trotzdem sehr erfolgreich. Geholfen hat wohl dabei
die Vorliebe der Amerikaner für spektakuläre Flucht- und Verfolgungsgeschichten und auch,
dass Anspielungen auf Beziehungen des Widerstands zur kommunistischen Partei
nicht zur Kenntnis genommen bzw. unterdrückt wurden.

Auch bei der Rezeption in Westdeutschland 1946/47 geschieht diese Entpolitisierung,
und der Roman wird akzeptiert.

Als aber Anna Seghers sich in der DDR niederlässt,
ist im Westen ihr Roman ein kommunistisches Elaborat und darum verpönt
und dies umso mehr, je kälter der Kalte Krieg wurde.

Aber auch von ihren marxistischen Freunden gibt es Vorwürfe. Sie habe die Deutschen nicht kritisch genug, „die Tiefe der Volksvergiftung durch den Hitlerismus unrichtig gesehen“ .
„Ihr das Leben und die Menschen bejahender Charakter“ mache es Anna Seghers
schwer, „die Flut von brudermörderischem Sadismus, kleinlicher Streberschläue
und Berauschtheit zu eitlen Phrasen … ganz zu ermessen und ihre Quellen aufzudecken.“

Die Formulierung vom „das Leben und die Menschen bejahenden Charakter“
passt tatsächlich zu Anna Seghers und ihrem Roman.
Bei allem Entsetzen über das, was Menschen den Menschen antun können,
glimmt im Roman ein Funke Hoffnung.
Ein Leitmotiv ist die unbedingte Bereitschaft zu Widerstand und zur Aufopferung.
Und allein schon das Ereignis, dass jemand fliehen konnte trotz des allmächtigen Staats- und Parteiapparats, gibt Hoffnung:
„... ein entkommener Flüchtling, das ist immer etwas, das wühlt immer auf. Das ist immer ein Zweifel an ihrer Allmacht. Eine Bresche.“

(zur Biographie Hans Werner Henzes)
Diesen Funken Hoffnung hat Hans Werner Henze nicht in seine ‚Neunte Sinfonie‘ hineingenommen.
Die Ursachen für diesen Unterschied bei der Sicht auf das Deutschland der Nazizeit liegen möglicherweise in den Biographien von Seghers und Henze.

Henze ist 26 Jahre jünger als Anna Seghers, also 1926 geboren.
Als Jugendlicher geriet er aufgrund seiner politischen Einstellung in Konflikt mit dem Vater,
der NSDAP-Mitglied war und ihn auf eine Musikschule der Waffen-SS schicken wollte.
Als die homosexuelle Neigung seines Sohnes erkennbar wurde, soll er gesagt haben,
dass „so etwas wie er ins KZ gehöre“.
1942 begann Henze ein Studium an der Staatsmusikschule Braunschweig in den Fächern Klavier und Schlagzeug.
Anfang 1944 wurde er zum „Reichsarbeitsdienst“, wenige Monate später als Funker
zur Wehrmacht einberufen.
„Die Erfahrungen dieser Zeit führten bei ihm zu einem Gefühl der Mitschuld,
aber auch zur lebenslangen leidenschaftlichen Ablehnung von Krieg und Faschismus“,
heißt es bei Wikipedia.
Weiter heißt es dort:
„Enttäuscht … vom politisch restaurativen Klima in Deutschland einerseits und von Teilen der Kritik andererseits, die … eine konsequent Serielle Musik forderten – was Henze als Einengung der Kreativität empfand – übersiedelte er 1953 nach Italien.“
Dort trat er in die kommunistische Partei ein, also etwa im selben Alter wie Anna Seghers.
Eng befreundet war er mit der Dichterin Ingeborg Bachmann,
was zu einer intensiven künstlerischen Zusammenarbeit führte.
Für uns auch interessant, dass er von 1980 bis 91 eine Kompositionsklasse an der Musikhochschule Köln leitete.
Oktober 2012 ist er in Dresden verstorben und wurde in seiner Wahlheimat Marino bei Rom beigesetzt.

(zu Henzes ‚Neunten Sinfonie‘)
Über seine Ostern 1997 vollendete ‚Neunte Sinfonie‘ sagt er:
„Sie ist eine Summa summarum meines Schaffens,
eine Abrechnung mit einer willkürlichen, unberechenbaren, uns überfallenden Welt.
Statt die Freude, schönen Götterfunken zu besingen,
sind in meiner Neunten den ganzen Abend Menschen damit beschäftigt,
die immer noch nicht vergangene Welt des Grauens und der Verfolgung zu evozieren,
die weiterhin ihre Schatten wirft.
Eine deutsche Wirklichkeit ist diese Symphonie,
aber vor allem Ausdruck der allergrößten Verehrung für die Leute,
die Widerstand geleistet haben in der Zeit des nazifaschistischen Terrors
und die für die Freiheit der Gedanken ihr Leben gegeben haben."

Henze bezieht sich also auf Beethovens 9. Sinfonie und ihr Lied an die Freude.
Henze hat mit seiner Neunten das Gegenstück zu Beethoven geschrieben:
kein Lied an die Freude, sondern Ausdruck von Klage und Verzweiflung.
Als Europa-Hymne, zu der ja das Thema des Vierten Satzes von Beethovens Neunter geworden ist, wäre nichts aus Henzes Neunter geeignet gewesen.

Henze kannte Thomas Manns Roman ‚Dr. Faustus‘; sein 3. Violinkonzert von 1996 nimmt auf ihn Bezug.
Dort mag er für die Idee, ein Gegenstück zu Beethovens ‚Neunter‘ zu schreiben,
Bestätigung gefunden haben.

Das letzte Werk des im ‚Dr. Faustus‘ dargestellten deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn,
betitelt mit ‚Dr. Fausti Weheklag‘, wird im Roman vom Erzähler so kommentiert:
„Wie oft habe ich … der schmerzhaften Worte gedacht, die er beim Tode des Kindes -
gemeint ist der 5-jährige Neffe von Leverkühn - zu mir sprach:
… es solle nicht sein, das Gute, die Freude, die Hoffnung, das solle nicht sein,
es werde zurückgenommen, man müsse es zurücknehmen!
Kein Zweifel, mit dem Blick auf Beethovens ‚Neunte‘, als ihr Gegenstück … ist es geschrieben - …es ist gleichsam der umgekehrte Weg des ‚Liedes an die Freude‘, … es ist die Zurücknahme‚… ein Lied an die Trauer‘“

– soweit der Erzähler des Romans und soweit Thomas Mann.
Und das ist auch eine genaue Charakterisierung von Henzes ‚Neunter‘.

Man könnte sich fragen, ob sich Henze diese Thematik für seine Neunte aufgehoben hat,
damit die Zurücknahme von Beethovens optimistischer Weltsicht schon durch die Nummerierung der Sinfonien verdeutlicht wird;
oder ist die Übereinstimmung der Zahlen ein Zufall?

Jedenfalls war sie ein Auftragswerk des Berliner Philharmonischen Orchesters und der Berliner Festwochen,
‚Den Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus gewidmet‘.
Es gibt eine CD der von den Berliner Philharmonikern und dem Rundfunkchor Berlin unter Ingo Metzmacher gespielten Uraufführung.

(Der Beginn der Flucht)
Auch Anna Seghers‘ Roman „ist den toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands gewidmet“.
Aber er hat nicht nur die Helden zum Inhalt, sondern auch die Schwäche, die Verrohung
und den Verrat.

Es geht um die Flucht des Georg Heisler, der Oktober 1937 aus dem Konzentrationslager
in Westhofen, nördlich von Worms, mit sechs weiteren Häftlingen ausgebrochen war.
Über Georg, der seit 1934 inhaftiert war, hatte ein aus Westhofen Entlassener berichtet, dass man ihn klein haben wollte,
es ihnen aber nicht gelungen sei; jetzt wolle man ihn nur noch töten; er war ein schöner Mensch gewesen;
„Aber jetzt ist sein schönes Gesicht ganz plattgeschlagen“.
„Er hat Leiden und Qualen erlitten, wie sie sonst auf ein ganzes Geschlecht verteilt sind.“

Die Sieben waren früh morgens bei einem Arbeitseinsatz außerhalb ihres Lagers geflohen,
nachdem sie einen Wärter niedergeschlagen hatten.
Mit Hundestaffeln und Scheinwerfern sucht man nach ihnen. Ihre Namen:
Beutler - Pelzer - Belloni - Wallau - Füllgrabe – Aldinger und Georg Heisler.

Der Lagerkommandant Fahrenberg lässt die Kronen von sieben Platanen kappen
und an den Stämmen in Schulterhöhe je einen Querbalken anbringen,
so dass sieben Kreuze entstehen – eines für jeden der Flüchtigen.
Sechs der Entflohenen werden entweder gefasst oder kommen auf der Flucht um,
doch das siebte Kreuz bleibt frei.
Denn Georg Heisler gelingt nach einer schrecklichen Odyssee von sieben Tagen die Flucht in Richtung Niederlande.

Zurück zum Beginn der Flucht:
Nachdem die Sieben in verschiedene Richtungen geflohen sind,
kriecht Heisler durch einen Abwasserkanal,
der 40 m lang unter einer Fabrik neben dem Lager hergeht,
und er erliegt eine Zeitlang einem „Anfall von Angst“.
Er hört, wie der erste der Geflohenen gefasst und zusammengeschlagen wird.
Er verletzt sich eine Hand schwer, als er über eine mit Scherben besetzte Mauer klettern muss.

In einem nahen Dorf kann er sich verstecken und er beobachtet,
wie der zweite der Sieben mit Namen Pelzer von Jungen der Hitlerjugend gefasst und geprügelt wird;
sie sind in ihrem Element.
Georg hört ihr „Aufjohlen, wie es menschliche Stimmen gar nicht herausbringen.
Aber auch tierisch war es nicht.
Irgendwelche Geschöpfe, von denen man gar nicht gewusst hatte,
dass es sie auf der Welt gab, mussten sich plötzlich hervorgewagt haben“.

Georg flüchtet in Richtung Mainz. Während er seine Umgebung beobachtet, wundert er sich über das
gewöhnliche Leben ... Er hatte geglaubt, einem jeden Gesicht,
einem jeden Pflasterstein sei die Schande anzusehen,
und Trauer dämpfte die Schritte und Stimmen und selbst die Spiele der Kinder.
Die Straße hier war ganz ruhig, die Menschen sahen vergnügt aus. ...
da übermannte Georg eine Traurigkeit, wie er nie im Leben eine gekannt hatte.“


Die Versuchung, einfach aufzugeben, ist groß.

(Das Problem der musikalischen Umsetzung; die Sätze 1, 2, 6 und 3)
Es ist nun an der Zeit, in die Musik hineinzuhören; zunächst möchte ich Ihnen einen Großteil des Ersten Satzes vorspielen. Er ist überschrieben: Die Flucht.

Eine sinfonische Dichtung zu schreiben, wie es seit Berlioz und Liszt üblich war,
also einem Handlungsverlauf empfindungsmäßig-musikalisch nachzugehen,
war zur Darstellung des Grauens der Nazizeit zu naiv.
Der Zugang musste direkter sein, unmittelbarer, mit Hilfe von Texten als Grundlage,
auf die Henze seine Musik türmen konnte.
Undenkbar war aber auch eine Kantate mit ihrem Wechsel von Solo-Arie und Chor.
Eine einzelne Stimme, die Klage eines Einzelnen hätte dem Grauen nicht den angemessenen Ausdruck geben können.
Es sind alle Ichs dieser Welt, die ihre Verzweiflung herausschreien.
Für diesen Schrei der Verzweiflung blieb Henze nur der Chor,
und so schuf er die grandiosen Chöre und den gewaltigen Orchesterapparat seiner Chorsinfonie.

Neue durch die Entwicklung der Musikgeschichte mittlerweile vorbereitete Ausdrucksmittel waren nötig gegenüber einer neuen Qualität von Grausamkeit und Qual,
die kompositorischen Konventionen mussten gesprengt werden, die der tonalen wie auch der seriellen Musik.

Ein Beispiel mag dies verdeutlichen.
In Henzes Sinfonie finden sich oft Tonmalereien:
Im Ersten Satz die Darstellung des klopfenden Herzens,
im Zweiten die musikalische Gestaltung des Geheuls der Toten und vieles andere.
Darstellung der Realität durch Töne hat es schon seit Jahrhunderten gegeben;
beliebt waren Tonmalereien von Bächen, Flüssen und Meer, eindrucksvoll die des Gewitters,
sehr hübsch die in Musik gesetzte Idylle der Vogelstimmen.
In solchen Tongemälden sind selbst die Gewitter, zwar großartig und gewaltig,
aber immer noch schön.
Und es stellt sich das Problem, ob man angesichts des Grauens während der Naziherrschaft
ein solches Grauen ausdrücken kann mit jener schönen, angenehm zu konsumierenden Musik wie die Darstellung des Gewitters in Beethovens ‚Sechster‘.
Der Begriff des Schönen in der Musik müsste neu definiert werden, wenn man das Geheul und Trillerpfeifen-Getön, das Schreibmaschinen-Geklapper von Henzes ‚Neunter‘ als schön bezeichnen möchte.
Wem dieser Hinweis nicht hilft im Laufe dieses Abends und wer zu der Ansicht kommt:
‚Das ist doch keine Musik‘,
der mag sich vorstellen, dass es Klänge seien, die das, was in den Gedicht-Texten Treichels steht, in ein anderes Medium umgeformt wiedergeben.

Da die Erzähltexte der Anna Seghers sich nicht für eine solche Umformung eignen,
ließ Henze von dem 1952 geborenen Lyriker und Romanautor Hans-Ulrich Treichel,
der seit 1995 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig lehrt
und mit dem er schon mehrere Male zusammengearbeitet hatte,
die Texte verfassen, die Sie vor sich haben. Sie sind eine Art Scharnier zwischen Roman und der Musik der 9. Sinfonie.
Aus Zeitgründen werde ich nicht ausdrücklich auf diese Texte eingehen.
Sie beziehen sich auf Handlungen, Gedanken und Empfindungen des Romans,
so auf die Flucht Georgs durch den Abwasserkanal,
auf die Verletzung beim Überklettern der Mauer, auf seine Angst.

‚Ich habe Angst‘ - das ist der erste Aufschrei des Ersten Satzes.
Der zweite Aufschrei heißt: „Nein.“
Der nächste Ausbruch: „Ein Lichtstrahl“
Aber es ist nicht ein Strahl der Hoffnung, sondern der Scheinwerfer der Verfolger.
Dann eine trügerische Idylle: Georg glaubt, in der Natur aufzugehen,
in ihr zu verschwinden. Obwohl geflohen, „um dem sicheren Tod zu entrinnen“,
erscheint ihm nun der Tod im Sumpf für einen Augenblick „ganz einfach und ohne Schrecken“ - so heißt es bei Seghers.
Ein letzter Aufschrei, wieder ein ‚Nein‘, dann das starke Klopfen des angstvollen Herzen.

Von den Texten Treichels sind die Stellen, deren Vertonung als Beispiele aus Hans Werner Henzes ‚Neunter Sinfonie‘ ausgewählt wurden, fett gedruckt.
Ich habe – außer bei Satz 2 - die 11 Jahre nach der Uraufführung, also 2009, entstandene Aufnahme von Marek Janowski mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und wieder mit dem Rundfunkchor Berlin ausgewählt.

1. DIE FLUCHT (3:32)
Nur weiter... Luft... keine Luft... ich habe Angst.
mein Herz ... geht... zu schnell ... schneller...
weiter... atmen ... immer nur... atmen ... immer nur.
weiter... Erde ... Steine ... ein Graben ... ein Loch ...
eine Falle ... in der Erde ... ein Stein ... vor meinen
Augen ... Erde ... der Stein ... meine Stirn ... Nein ...
Nichts mehr... Nein!

Ich habe kalte Erde im Mund, eisigen Boden.
Sand und Blut auf der Zunge.
Der Himmel ist finster und nass.
Der Himmel ist schwarz von Gewürm.
Der Stein zerreißt mir die Schläfe.
Ein Blatt macht mich blind.

Musik! Ich höre Musik.
Sie spielen im Wirtshaus Musik.
Auch in der Hölle spielt die Musik.
Gestern noch bin ich bei ihnen gesessen.
Gestern habe ich mit ihnen gesungen.
Gestern war es der Himmel.

Ein Lichtstrahl!
Sie schlagen mich tot,
wenn sie mich finden.
Meine Hand! Ich verblute!
Nebel über den Gräben,
das Schilf am Uferrand des Flusses.
Meine Füße werden zu Wurzeln im Schlamm.
Aus meinen Händen sprießt Laub.
Mein Haar raschelt im Wind.
Ich träume die Träume des Baums.

Das Rascheln verrät mich.
Ich höre das Hecheln der Hunde.
Ich höre Kommandos und Pfiffe.
Sie rennen und suchen.
Nein! Ich träume nicht mehr.
Ich ersticke. Mein Herz schlägt
wie eine Trommel so laut.

Da ich kürzen muss, möchte ich vom Zweiten Satz, einem Adagio’ ,
nur den Schluss wiedergeben.
Wenn Sie den Zweiten Satz einmal im Ganzen hören, wird Ihnen deutlich werden,
dass Henze auch Vorbilder aus der Musikgeschichte hat,
dass das Requiem von Brahms und auch Mahlers Musik Henze anregt haben;
andere Stellen erinnern an das Vorbild Bruckner.

BEI DEN TOTEN (2:01)
Dann bin ich hinübergegangen:
Das Laub lag auf meinen Schultern,
die Sterne trieben um meine Brust,
an den Lippen nagten die Fische.

Ich bin aus dem Wasser gestiegen,
ein Schatten ist aus dem Fluss gestiegen,
ich bin über Steine, über Schnee gegangen,
ein Schatten ist über den Schnee gegangen,
der Wind hat mir die Haut zerrissen,
mein Haar fiel wie Asche vom Kopf.

Dann bin ich hinübergegangen. Ich habe
ihre Namen gerufen und ihre Gesichter gesehen.
Die waren weiß wie Papier und in Fetzen,
und ihre Stimmen nur noch ein Heulen,
wie Wind im verlassenen Haus.

Georg sucht Zuflucht im Dom von Mainz, lässt sich über Nacht einschließen.
Er empfindet diese Zeit als Gnadenfrist.

Aber der Dom ist „eine eisige Welt“; in Georgs Fieberphantasien sind die Statuen und Sarkophage nur „böse“;
Er glaubt zu sterben.
Getröstet wird er ein wenig durch den Gedanken an das, was andere vor ihm durchlitten haben, z. B. Jesus.

Henze hat bei der Vertonung dieser Dom-Szene keinen Trost bereit.
Er hat sie an die sechste, also vorletzte Stelle seiner – entsprechend den sieben Kreuzen -siebensätzigen Sinfonie gestellt,
gleichsam als Höhepunkt der Verzweiflung und Anklage.
Mit 17 Minuten ist es der mit Abstand längste Satz.
Deshalb habe ich nur den Anfang und den Schluss ausgewählt,
und einen Ausschnitt aus der Mitte.
Henze hat für diesen Sechsten Satz zwei Chöre gegenübergestellt.
Der aus zwölf Chorsolisten gebildete und abseits stehende Chor vertritt die Toten und die Heiligen; der große Chor steht für das Leiden des gepeinigten Flüchtlings.

6. NACHTS IM DOM (5:22)
Die Toten (flüsternd, zu sich selbst sprechend):
Der Tod ist taub, der Tod ist blind:
kein Traum, den du träumst,
kein Schrei, den du schreist,
kein Schatten, der dich streift.
Der Tod ist schwarz, eisig und stumm.

Sei ohne Hoffnung. Deine Augen sind leer.
Dein Mund ist verwest. Deine Zunge ist Erde.
Sei ohne Hoffnung, sei still.

Der Flüchtende:
Ich krieche unter den Bänken entlang,
ich berühre die Steine, drücke meine Stirn
an den Boden, ich will nicht sterben,
ich verfluche die Toten, sie liegen unter Granit
begraben, in eisigen Sarkophagen, sie liegen
mit Kronen geschmückt und gewickelt in Purpur,
die Herren der Welt, ihr Reich ist aus Staub,
ich verfluche die Toten, sie sagen Sei ohne Hoffnung,
sie sagen Der Tod ist ein einziger Schmerz,
ich will nicht sterben, ich blicke nach oben,
der Himmel ist auf Säulen gebaut, der Himmel
ist ein großer grauer Fels.

Die Heiligen
(flüsternd):
Das Blut ist warm, das Blut ist süß,
und süß ist der Schmerz, die brennende Haut,
der zerrissene Leib, das Feuer unter den Füßen,
die Nägel im Leib, das Blei auf der Zunge, wir singen
mit blutigen Lippen, wir singen mit löchrigen
Wangen, wir beten vom Wunder der Schmerzen,
die uns erlösen, erlösen von uns.

Der Flüchtende:
Ich stehe auf, ich spüre das Blut,
es tropft von meinen Füßen, es ist warm,
es verfolgt mich, meine Blutspur verfolgt mich,
dort ist das Kreuz und der, den sie gekreuzigt haben,
er blickt mich nicht an, er ist stumm,
ich glaube, er lächelt, seine Stirn ist feucht,
seine Krone aus rostigem Draht, jetzt sieht er hinauf,
in diesen Himmel aus Stein, da ist kein Gott,
da ist kein Platz für einen Gott, seine Lippen sind rot,
wie aus Wachs, Seht her ein Mensch, wie einsam er ist,
von seiner Stirn tropft Blut, er ist aus Holz,
er hat keine Schmerzen, es ist mein eigenes Blut,
die Hunde wittern es, die Hunde werden mich finden,
das Blut ist warm, es steht in meinen Schuhen,
ich höre die Hunde bellen.

Die Heiligen (Litanei):
Der Herr hat die Steine geschaffen
Der Herr hat den Staub geschaffen
Der Herr hat den Schmerz geschaffen
Wir loben den Herrn wir loben die Finsternis
Wir loben die Nacht und wir loben den Schmerz
Denn alles ist Gottes Werk und alles ist gut getan
Stumm ist der Staub und er ist gut getan
Stumm ist der Stein und er ist gut getan
Stumm ist die Finsternis und sie ist gut getan
Denn es ist Gottes Werk wie alles was ist

Der Flüchtende:
Du bist für uns gestorben,
du hast gelitten, sie haben geschrien:
Kreuziget ihn! Du bist gestorben,
du hast triumphiert, du hast uns errettet.
Ich aber werde gehetzt von den Hunden,
ich aber stehe im eigenen Blut.
Sie werden mir den Schädel einschlagen,
sie werden mich mit Kalk bestreuen,
sie werden eine Grube graben und Unrat
bedecken mit Unrat.
Du bist für uns gestorben, du hast uns errettet.
Wo bist du, ich sehe dich nicht.
Gib Antwort, ich höre dich nicht.
Meine Augen sind voller Schmutz,
mein Mund ist voller Getier,
mein Gesicht wird ausgelöscht sein.

Sie lesen und hören es selbst:
Henze und sein Autor Treichel haben den Roman der Anna Seghers überhöht zu einer nahezu metaphysischen Darstellung des Bösen.
Anna Seghers bleibt konkret; ihr Buch ist eine Art Heimatroman,
dessen Geschehen sich auf das geographische Dreieck Worms-Mainz-Frankfurt beschränkt und in dem die Personen die ihnen eigene Sprache sprechen.
Anna Seghers zeigt die Menschen, unter denen sie groß geworden ist
und die nicht alle den Nazis verfallen sind.
Ein Beispiel: Zwei Dutzend Häftlinge wurden durch das Dorf ins Lager gebracht,
“die waren schon vor der Einlieferung so zugerichtet, dass es den Menschen graute und eine Frau im Dorf offen weinte.“
Ihr Neffe, der Bürgermeister, hatte ihr klargemacht,
„dass sie mit ihrer Flennerei“ der ganzen Familie „für ihr Leben lang Schaden zufügte“.

Viele der Älteren verstehen ihre Zeit nicht mehr.
Notgedrungen arrangieren sie sich mit dem Lager in Westhofen.
Aber die jungen Leute, „die immer alles besser wissen wollen“, - so Anna Seghers - können ihre Eltern aufklären:
„Die jungen Leute wissen, wozu das Lager da ist.“
Dann folgt eine Bemerkung, die charakteristisch ist für den Stil von Anna Seghers:
nur dass die Jungen in früheren Zeiten das Gute besser wissen wollten,
jetzt aber wussten sie das Böse besser“.

Warum war man so brutal gegenüber dem gefangenen Pelzer?
Eine mögliche Antwort: In diesem Dorf lebt auch eine Familie Alwin. Von ihr heißt es:
Alle Alwins waren von jeher roh gewesen, nur waren sie jetzt die Tonangeber.“

Im Dritten Satz der Sinfonie – mit knapp zwei Minuten der kürzeste –
wird die Brutalität zum Thema.
Sein Beginn „Ich erstatte Rapport, ich vermerke den Vorgang, ich gebe zu Protokoll“
verweist auf eine besondere Art der Brutalität der Nazis:
den Hang zur Ordnung, zur geordneten Organisation,
die das einmal Begonnene ordentlich zu einem bösen Ende bringt.
Der Lagerkommandant Fahrenberg wird gekennzeichnet als ein Narr ... mit furchtbaren, unvoraussehbaren Fällen von Grausamkeit.
Manche wollen, dass Fahrenberg und seine Clique abgesetzt werden.
Die so urteilten, wollten nicht, dass die Hölle aufhören sollte und die Gerechtigkeit beginnen, sondern sie wollten, dass auch in der Hölle Ordnung sei.
Und so ist der Nachfolger Fahrenbergs
ein nüchterner Mann, ordentlich brutal.

Ordentlich brutal, nämlich als zackiger Marsch ist der Text des Dritten Satzes vertont,
zackig auch durch das Schreibmaschinengeklapper.
Das vierfache Forte des Schlusses zeigt auf den hochmütigen Stolz der primitiven Brutalität.
Von einem Gestapo-Mann heißt es an anderer Stelle in Seghers‘ Roman:
Gerade das war das Furchtbare, dass dieser junge Mensch der gewöhnlichste Mensch war ...und doch allwissend und allmächtig.“

3. BERICHT DER VERFOLGER (1:46)
Ich erstatte Rapport, ich vermerke den Vorgang,
ich gebe zu Protokoll, dass unter dem Laub,
wie ein zitterndes Tier, wie ein räudiger Hund,
verborgen lag der, den wir verfolgten,
und dass dieser, blutig, verschmutzt und das Gesicht
voller Schlamm, aufhob die Hand vor die Augen,
wie ein Geblendeter, als habe er noch niemals
einen Mantel gesehen, noch niemals zwei Stiefel,
noch niemals gesehen den, der hier erstattet Rapport,
als habe der dort lag im Schmutz, nicht gehört,
nicht verstanden, die Stimme dessen, der hier
erstattet Rapport, und statt zu gehorchen, die Hand
vor die Augen gehalten, der räudige Hund,
ein zitterndes Tier, und dass der, der hier erstattet
Rapport, dem, der dort lag, fortriss die Hand und einen
Schlag ihm versetzte, mit dem Stiefel, dem Spaten,
so lernte der sehen, so lernte er aufschaun
zu dem, der hier erstattet Rapport.
(Die Struktur des Romans)
Die Flüchtigen begegnen auf ihrer Flucht vielen Menschen, die bei dieser Begegnung
sich bewähren oder versagen.
Die Flucht eines Häftlings aus einem Konzentrationslager sei, so Anna Seghers,
„das Ereignis, an dem ich die Struktur des Volkes aufrollen kann.“
Und eine Biographin der Anna Seghers sieht das Besondere des Romans darin,
„dass diese Struktur erzählerisch umgesetzt wird in eine Montage zahlloser Einzelszenen,
die, jede für sich interessant und spannend, eine breite Skala von Verhaltsweisen
gegenüber dem Hitler-Regime vorführen und gleichzeitig … das Fluchtgeschehen vorantreiben, retardieren oder kommentieren.“

Entsprechend gibt es viele Episoden in diesem Roman und eine Reihe von faszinierenden Personen, die darzustellen den Rahmen hier übersteigen würde.
Vielleicht werden Sie ja angeregt, den Roman zu lesen, sofern Sie ihn nicht kennen.

Georg Heisler muss sich seine Hand behandeln lassen.
Er geht zu einem jüdischen Arzt, Dr. Herbert Löwenstein, dort fühlt er sich sicherer.
Der Arzt ahnt, wer Georg ist.

Löwenstein denkt:
Ich habe Frau und Kinder. Warum kommt der Mensch zu mir? Bei jedem Schellen zittern müssen. Und was man mir Tag für Tag alles antut.
Georg denkt: Doch Ihnen nicht allein“.

Und wieder der Arzt:
Das gibt es doch gar nicht, dass man so leiden muss, und Georg: Aber doch Sie nicht allein.“

Dann sagt der Arzt sich, dass ihn nur die kranke Hand etwas angeht.
Ein Beispiel für die tägliche, alltägliche Bedrohung durch den nationalsozialistischen Staat,
und ein Beispiel für Bewährung:
Dr. Löwenstein ist als Jude besonders gefährdet und besonders beobachtet,
kann sich eigentlich weniger als andere leisten, einem Verfolgten zu helfen.
Also ist sein Mut in besonderer Weise zu würdigen.

Der Handlungsverlauf ist nicht einsträngig, auch einige, die mitgeflohen sind,
werden ausführlich gewürdigt, am intensivsten Wallau, der von seinem Freund verraten wird.
Dieser Freund erhängt sich nach seinem Verrat, und seine Frau wird verhaftet, weil sie schreit,
ihr Mann habe sich besser vor dem Verrat erhängt.
Der totale Terror des Staates schafft Verhältnisse, in denen man nicht mehr menschenwürdig leben kann.

Ausführlich wird auch das Schicksal Aldingers dargestellt und damit die Ausbreitung des Nationalsozialimus auf dem Lande, wie Anna Seghers sie schon 1932 in ihrem Roman ‚Der Kopflohn‘ beschrieben hat.

Wichtig ist für Anna Seghers auch das Leben eines Freundes von Georg:
Franz Marnet und dessen Umfeld, das sich zusammensetzt aus Nazis,
Sympathisanten der Nazis, Gleichgültigen und Gegnern der Nazis.
Franz wünscht sich
ein bisschen gewöhnliches Glück, sofort, statt dieses furchtbaren unbarmherzigen Kampfes für das endgültige Glück irgendeiner Menschheit, zu der er, Franz, dann vielleicht nicht mehr gehörte“.
Die Sehnsucht nach dem „gewöhnlichen Glück“ ist eines der Leitmotive im Werk von Anna Seghers.
Den Franz Marnet aber treibt der „Wunsch nach Gerechtigkeit“ mehr um als der Wunsch nach ein bisschen Glück.
Das Ende des dritten der Geflohenen wird berichtet:
Belloni, der Zirkusartist, wird in Frankfurt von Polizei und SS gejagt, flieht auf das Dach eines Hotels,
„er hatte jetzt keine Hoffnung mehr, aber auch auf diesem letzten Wegstück,
dem Wegstück ohne Hoffnung, wollte er seine Freiheit verteidigen.“

Und er stürzt sich, als er angeschossen und gestellt ist, in den Tod;
die brutale Menge, die die Jagd verfolgt, ist in einem „Zustand von Wildheit und Fanglust“.

Die Orchestermusik zu Beginn unserer nächsten Auswahl – es geht um den 5. Satz ‚Der Sturz‘ -
zeigt die Angst des Belloni und den „Zustand von Wildheit und Fanglust“ seiner Verfolger
‚die schwarzen Stiefel, die deutschen Gesichter‘ heißt es im vertonten Text.
Besonders eindrucksvoll ist der Schluss des Gesangs mit den Worten „mein einziges Land“:
die Wendung zur Tonalität eines klaren Dur-Akkords ist nach der sonst vorherrschenden
Atonalität von besonderer Wirkung – ich interpretiere sie im Sinne von Anna Seghers
als Zeichen für das Wort ‚Vaterlandsliebe‘, das vor den Faschisten gerettet werden muss.

5. DER STURZ (2:30)Den Himmel habe ich ausgemessen,
in zwei, drei Sprüngen, ich wanderte
über die Wolken, ich schlief in den Bäumen,
auf einem Fuß hüpfte ich über den Himalaja,
mit dem kleinen Finger habe ich Elefanten
gestemmt, ich bin Belloni, Artist, dem Galgen
entkommen, mir schlägt das Herz bis zum Hals,
vierzig Stufen sind zuviel für mich, dies
Dach ist zu hoch für mich, und da draußen,
die Kirchtürme, Hügel, in der Ferne das Flusstal
machen mich zittern, wie das Bellen der Hunde,
wie das Geheul der Sirenen mich, Belloni,
zittern macht. Den Himmel habe ich ausgemessen,
nun hocke ich hinter dem Schornstein, jetzt
höre ich einen Schuss und spüre ein nasses
Klatschen im Bein, und ich, Belloni,
der fliegen konnte, rolle über das Dach
und hänge an der Rinne, ein blutiger Vogel,
ein bleiches Gespenst, unter mir die schwarzen
Stiefel, unter mir die deutschen Gesichter,
und ich, Belloni, der verwundete Adler,
öffne die Schwingen und fliege noch
einmal über mein einziges Land.

(Die Bewährung)
Auf seiner Suche nach Hilfe überlegt Georg Heisler, dass alle, die er kannte, bewacht sind:
Ein Fangnetz die ganze Stadt, ein System von lebenden Fallen.
Mittlerweile ist er, nachdem er den Rhein unter großem Risiko auf einem Bötchen überquert hat - die Brücke ist schon gesperrt -, in Frankfurt.
Die Polizei hat bisher jeden seiner Schritte aufspüren können.
Es sind 5000 Mark Belohnung ausgesetzt.

Zwei junge Männer erkennen ihn, kennen ihn von früher;
wollen sich aber nicht das Kopfgeld verdienen, bestätigen sich dies gegenseitig; sie denken
an „die Jahre, in denen sie nichts mehr Vernünftiges miteinander sprachen aus Angst,
sich einander auszuliefern, falls sich der andere verändert hatte.
Jetzt hatte sich herausgestellt, dass sie beide die alten geblieben waren.“

Georg geht in Gedanken die Menschen durch,
auf die man sich felsenfest verlassen konnte“; „verblüffend rasch
die erste Aussonderung“
eine „furchtbare Waage ...ein jüngstes Gericht,
ohne Posaunenstöße ...Georg ließ schließlich vier gelten.“

Nun sucht er einen, den er zu einem von den Vieren schicken kann. Er findet Paul Röder.
Georg hat Bedenken, zu ihm zu gehen:
Warum soll denn gerade er alles gerade für mich riskieren?“
Als er im Mietshaus vor der Tür steht, denkt er:
Konnte ein Druck auf die Schelle diese Familie in alle Winde zerstreuen?
Zuchthaus bringen, Zwangserziehung und Tod?“
Georg kehrt um; muss damit rechnen, bespitzelt zu werden,
nur die Erschöpfung hat ihn dies vergessen lassen; da begegnet Röder ihm auf der Treppe
und nimmt ihn mit in seine Wohnung. Sein Argument, als er Georgs Schicksal erfahren hat:
Da sie Georg totschlagen werden, darf Georg jetzt nicht weggehen.

Röder wird von Georg zu Schenk oder zu Sauer geschickt. Beide hielt Georg
„für unveränderlich, für unbezweifelbar“.
Georg, Schenk und Sauer sind jetzt in Paul Röders Hand.
Schenk fällt aus, er ist mittlerweile in Westhofen inhaftiert,
weil er beim Abhören eines verbotenen Senders aufgefallen war.

Es bleibt Sauer, der Paul Röder, als er zu ihm kommt, für einen Spitzel hält: die kleine Ratte;
Röder denkt,
der will nichts riskieren. Vielleicht wegen dem Fratz da. Hab ich denn nicht auch Kinder?

Dann erschrickt Sauer:
Wie, wenn es ernst war, wenn es kein Dreh von der Gestapo war?
Nach Menschen Ermessen hätte er alles für Georg getan.
Und noch einmal eine typische Seghers-Formulierung:
Er wünschte nicht bloß, wie es oft geschieht, ein solcher zu sein, der alles getan hätte, er war es bereits.
Aber er bleibt bei seinem Misstrauen und schickt Röder fort.

Und Paul Röder sucht weiter:
Die Schlechten verraten mich, die Guten verstecken sich. Sie verstecken sich viel zu gut.

In der Fabrik fällt ihm Fiedler ins Auge. Über das Ehepaar Fiedler sagt der Erzähler:
Sie hatten keine Kinder gewollt, zuerst wegen der Arbeitslosigkeit, dann weil sie frei sein wollten, um für die Freiheit zu kämpfen, sobald sie gerufen würden;
jetzt, damit die Kinder nicht Nazis und Soldaten würden;

Aber Fiedler hatte in den letzten Jahren geschwiegen. Nun kommt es Paul so vor,
als sei Fiedler soeben an der Grenze seines bisherigen Lebens angelangt und stünde,
auf Aufnahme wartend, an der Schwelle, und er, Paul, sei der Pförtner.

Auch Hermann, einer der wichtigsten Männer des Untergrunds, denkt an Fiedler, den er vom Saalschutz her kannte,
der wieder da ist, so, als sei er unter die Seinen nach langer Reise zurückgekehrt.
Paul spricht Fiedler an und erwähnt einen Flüchtling aus Westhofen;
Fiedler, bis in die Lippen erbleicht, fragt: Wie kommst du grad auf mich?“ - „Das kann ich dir nicht erklären. Vertrauen.“
Und Fiedler denkt:
So ganz stur und stumpf bin ich doch nicht geworden, und ich gehör auch noch immer dazu, denn der Paul hat mich ja herausgefunden.

Vier der Geflüchteten sind gefangen und stehen an den Kreuzen, zwei sind tot – Belloni und auch Aldinger, der auf der Flucht gestorben ist. Was mit Georg ist, weiß man im Lager nicht.

Dass der Lagerkommandant Fahrenberg sieben Platanen zu sieben Kreuzen hat zusammenschlagen lassen und die, die gefangen sind, an diese Bäume fesselt, wenn sie nicht gerade verhört werden,kommt den ermittelnden Kommissaren als Idee eines Verrückten vor,
zumal die Gefangenen durch diese Quälerei - die Platanen sind mit Nägeln gespickt - vernehmungsunfähig werden. Noch verrückter erscheint ihnen, dass Fahrenberg vor den Lagerinsassen einen „Eidschwur“ geleistet hat, „dass alle sieben Bäume besetzt sind, bevor die Woche neu anfängt“.

Diese Platanen sind Thema des 4. Satzes von Henzes Sinfonie, eines Adagio-Satzes.
Zunächst verweisen die Frauenstimmen auf die Schönheit der Platane. Und die Musik ist von einer Schönheit, wie wir sie von Adagio-Sätzen der Klassik und Romantik gewohnt sind.
Die Männerstimmen, die Schergen des Kommandanten, mischen sich ein und zeigen,
dass mit der Zerstörung der Platane die Schönheit des Himmels und der Erde vernichtet ist.
Der Vers „ich spüre ein Stampfen, ein Stoßen“ bestimmt einen Teil der musikalischen Gestaltung.
Teilweise überlagern sich die Texte der beiden Gruppen.

4. DIE PLATANE SPRICHT (3:34)
(Frauenstimmen:)
Aus flirrendem Grün bin ich gemacht,
aus schwebenden Schatten, aus tanzendem Licht,
ich bin hoch wie der Himmel, ich bin wie ein Regen,
aus einem Flüstern bin ich gemacht, ich bin
aus dem Glanz in der Frühe, aus der Stille des Mittags,
aus Tau und aus Rauhreif, aus dem Wind in der Nacht.

Ich höre Schritte,
ich spüre ein Stampfen, ein Stoßen,
die Erde vibriert, ich zittre.
Es ist wie aus Eisen!
Es ist wie ein Messer!
Das Gras wächst am Himmel!
In der Tiefe sind Wolken!
Die Blätter sind Steine!
Die Sterne sind Staub!
(Männerstimmen:)
Wir haben die Äxte, die Sägen geholt.
Wir haben den Glanz der Sterne, die Farbe
des Morgens vom Himmel gerissen.

Verbrannt haben wir die Wüste, vertrieben
das Meer und erschlagen den Wind.

Wir haben den Regen geprügelt, gefoltert
das Laub und gemartert das Licht.

Wir haben Äxte und Sägen geholt,
zerrissen den Wald, zerrieben die Steine,
wir haben den Staub zum Weinen gebracht.

Wir haben ihren Schatten gekreuzigt.
Wir haben den Himmel zersägt.

Als sechs der Flüchtenden gefangen oder tot sind und das Schicksal Georgs noch unbekannt ist,
sind die Häftlinge verzweifelt:
Das war die Stunde, in der sich alle verloren gaben. Diejenigen unter den Häftlingen,
die an Gott glaubten, dachten, er hätte sie verlassen ...
die an nichts anderes glaubten als an die Kraft, die dem Menschen innewohnt, dachten,
dass ... ihr Opfer nutzlos geworden sei und ihr Volk sie vergessen hätte.


Nicht im Einzelnen kann hier dargestellt werden, wie die Fäden im Untergrund verknüpft sind,
durch direkte Kontakte, die aber auch nur lose sein dürfen,
damit nicht das ganze Geflecht zerstört ist, wenn ein Teil aufgedeckt wird,
auch schon nur durch die Ahnung, da sei einer, der helfen könne.

Hermann, der die Fäden in der Hand hält, fragt sich:
War das erlaubt, einen Menschen für den anderen aufs Spiel zu setzen?
Und er gibt sich die Antwort: ... Nicht nur erlaubt, sondern nötig.


Fiedler hatte auch dafür gesorgt, dass Georg, weil sein Aufenthalt bei Paul Röder zu riskant wurde, zu einem Dr. Kreß gebracht wurde. Der hatte an der Arbeiter-Abendschule
Chemie unterrichtet; der Erzähler sagt von ihm, er sei ängstlich, aber tapfer.
Georg hat Angst, dass Kreß ein Gestapo-Mann sei.

Im Haus des Dr. Kreß müssen sie warten, bis Georg Pass, Geld und Anweisungen
zur Flucht erhält.

Durch Fiedlers Frau erfahren Kreß, dessen Frau und Georg,
dass Paul Röder von der Gestapo verhört wird. Soll Georg fliehen? Oder müssen alle drei fliehen?
Georg erinnert sich
an „Menschen mit Riesenkräften, schlau und erfahren in allen Kämpfen ...
in der Todesangst
aber haben sie verraten;

Paul aber wird ihn nicht preisgeben.“

Georg muss sich entscheiden,
ein „Wagnis, das seine ganze Kühnheit erforderte ... :Er vertraute Paul.“.
Und doch auch wieder Zweifel: er denkt daran, dass Paul jetzt gequält wird, und er zweifelt,
ob Paul stark genug ist;
dann bittet er Paul seine Zweifel ab und hat sie wieder neu.
Ähnliches ist bei Hermann zu beobachten:
Hermann hatte trotz aller Zweifel sofort genau so gehandelt, als ob kein Zweifel möglich sei.

Georg, Dr. Kreß und seine Frau verbringen eine Nacht voller Angst, Angst, dass alles aufgedeckt wird,
und dass alle, die bei der Flucht mitgeholfen haben, entdeckt sind.
Alles hängt von der Standhaftigkeit Paul Röders ab. Es ist ein „Warten auf Leben und Tod“.
Zwischen den dreien ist die Atmosphäre angespannt. Frau Kreß ist weniger ängstlich als ihr Mann und wirft ihm vor:
All die Zeit über hast du gesagt, dagegen hilft nichts,
dagegen kann man nicht aufkommen, man muss abwarten.
Abwarten, hab ich mir gedacht, er will abwarten, bis man alles zertrampelt hat,
was ihm teuer war.“

Eine Reihe von starken Frauen hat Anna Seghers dargestellt. So auch Liesel, die Frau von Paul Röder:

Zwar hat Liesel Angst vor der Polizei;
die Angst …vor der Verfolgung des Staates. Diese uralte Angst, die besser angibt,
wessen der Staat ist, als die Verfassungen und Geschichtsbücher
.
Aber sie will sich wehren.
sie hasste ... jeden, der an diesem Leben (das gemeinsame mit Paul) zu rütteln gewagt hatte,
sei’s mit Verfolgungen, Drohungen, sei’s mit Versprechungen von etwas Besserem,
Zukünftigem.
Wenn er gestanden hat, kann er dann heimgehen,
fragt sich Liesel,
kann dann alles so sein, wie es vorher war? ... Nichts könnte mehr wie vorher sein,
gibt sie sich die Antwort... eine Scheinwelt ... ein fälschlich zurückgekehrter Paul, der kein Paul mehr ist“.

Aber Paul kommt heim mit einer neuen Erkenntnis:
Sie sind keine Spur von allwissend. Sie wissen, was man ihnen sagt.“
Seiner Ansicht nach verraten die Leute alles an die Gestapo,
weil sie denken, die wissen ja doch alles“.
Ähnliches sagt Frau Wallau, als ihre Freundin, Frau Bachmann, behauptet:
Die bei der Gestapo wissen alles von einem Menschen.“
Frau Wallau, deren Mann ja von Herrn Bachmann verraten worden war, setzt dem entgegen:
Alles‘ ist übertrieben, sie wissen, was man ihnen sagt.
eine Gewissheit, die im Zeitalter der Datenüberwachung nicht mehr gelten kann.

Dank der Tapferkeit und Klugheit Paul Röders ist das Geflecht der Helfenden heil geblieben.

Und Georg erhält den Umschlag mit Geld und Pass, der dem Neffen eines holländischen Schleppdampferkapitäns gehört.
In dem Umschlag steckte gefährliche, mühselige Kleinarbeit, steckten unzählige Wege,
Erkundungen, Listen, die Arbeit vergangener Jahre, alte Freundschaften
und Verbindungen, der Verband der Seeleute und Hafenarbeiter,
dieses Netz über Meere und Flüsse.

Und mit Hilfe des Passes kommt er am Montagmorgen, also am achten Tag seiner Flucht, auf das Schiff dieses Kapitäns, von dessen Gesicht es heißt, dass
man hinter ihm gar nichts Gutes vermutete, eben darum für diese Zeit das rechte Gesicht
für einen aufrechten Mann, der allerlei riskierte.

Während seiner Flucht hat sich bei Georg die Vorstellung entwickelt, er werde, wenn die Flucht gelungen sei, im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpfen, selbst auf die Gefahr hin, dort den Tod zu finden.

Das Unangreifbare und Unverletzbare im Innersten des Menschen ist Grund für solche persönliche Tapferkeit und setzt Menschlichkeit durch, auch in finsteren Zeiten.
Getragen ist es von der Solidarität aller, die im Kampf gegen das Inhumane zusammenstehen.
Der Glaube an dieses Unangreifbare, Unverletzbare gab Anna Seghers die Hoffnung, dass Nazi-Deutschland überwunden werden konnte.

Dem Komponisten der 9. Sinfonie fehlt ein solcher Glaube.
Darum vertont Henze als letzten Satz, der ja aufgrund der Vorlage ‚Die Rettung‘ heißen muss,
einen Text, der das Positive nur im Konjunktiv, im Irrealis formuliert.
Die Rettung ist ein Traum, wie Jennys Traum in der ‚Dreigroschenoper‘; Henze zieht selbst diese Parallele:
"Das ist das 'Prinzip Hoffnung'. Da kommt ein Boot, 'mit sieben Segeln und fünfzig Kanonen', und fährt mit dem Flüchtenden davon."

Jedenfalls kein Allegro-Jubelgesang an die Freude wie bei Beethoven,
sondern trotz eines Fanfarensignals gegen Ende ein „Lied an die Trauer“, die Zurücknahme der Freude.
Rettung, Erlösung vom Bösen gibt es nur im Traum. So bestimmt Trauer den letzten Satz;
aber auch die Schönheit des Traums prägt diesen Satz, so dass man über ihn sagen kann wie beim Beginn des Satzes über die Platane: das ist ein Stück schönster Musik.

7. DIE RETTUNG (3:59)
Ruhig ging der Strom, voller Farben,
hoch stand schon die Sonne und
überall schien das Land wie durchglüht,
als käme noch einmal ein Sommer,
als wehte noch einmal ein Wind durch
die Felder, als streifte noch einmal
ein Licht durch die Auen, als blühte
der Apfel, als reifte der Wein,
still lag der glänzende Spiegel des Flusses,
und langsam legte das Schiff sich
ans Ufer, und niemand zeigte ein Zittern,
und keiner schrie einen Schrei,
als gäbe es keine Angst, keinen Tod,
als hätte niemals der Himmel gebrannt,
als wären niemals die Gärten zu Gräbern
geworden, zu Staub die Gesichter,
als gäbe es nur diesen Fluss, nur diesen
hölzernen Steg, als gebe es nur dieses Boot,
nur dies raschelnde Schilf,
nur diesen einen Tag.



'Das siebte Kreuz'

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