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1. Klassenarbeit 10c
27.09.99

Anna Seghers ‘Das 7. Kreuz’ Aufbauverlag S. 141 bis S. 145

Text:
Wenn es Wallau gelingt, in eine bestimmte rheinische Stadt zu kommen, dann ist Hoffnung, dass man ihn von dort auch aus dem Land hinausbekommt. Dort sitzen Menschen und warten und haben die nächste Etappe der Flucht schon vorbereitet.

Als man Wallau zum zweitenmal eingesperrt hatte, war es seiner Frau klar, dass sie den Mann nicht mehr wiedersehen sollte 1). Als ihre Bitten um Besuchserlaubnis schroff, ja mit Drohungen abgelehnt wurden - sie war selbst von Mannheim, wo sie jetzt lebte, nach Westhofen gekommen -, fasste die Frau den Entschluss, ihren Mann zu retten, koste es, was es wolle. Diesem Entschluss folgte sie mit der Behextheit von Frauen, die an undurchführbare Pläne herangehen, indem sie zunächst einmal ihren Verstand oder den Teil ihres Verstandes ausschalten, der dazu da ist, zu prüfen, ob etwas durchführbar ist. Wallaus Frau hielt sich nicht an Erfahrungen, nicht an Auskünfte ringsherum, sondern an zwei oder drei Legenden von gelungenen Fluchten. Beimler aus Dachau, Seeger aus Oranienburg. Und in Legenden steckt ja auch eine gewisse Auskunft, eine gewisse Erfahrung. Aber sie wusste auch, dass ihr Mann mit der ganzen Kraft hellbewusster Menschen darauf brannte, zu leben, weiterzuleben, dass er den leisesten Hinweis verstehen würde. Ihre Weigerung, auf das Ganze hin zwischen möglich und unmöglich zu unterscheiden, hinderte sie nicht, in vielen Einzelheiten geschickt vorzugehen. Sie bediente sich bei dem Anknüpfen von Verbindungen, bei dem Nachrichtenübermitteln ihrer zwei Buben, zumal des älteren, der von dem Vater in alten Zeiten noch gründlich belehrt, von der Mutter jetzt in den Plan eingeweiht und ganz behext war; ein dunkeläugiger, zäher Knabe in den Kleidern der Hitler-Jugend, mehr verbrannt als erhellt von der Flamme, die für sein Herz fast zu stark war.

Jetzt, am Abend des zweiten Tages, wusste Frau Wallau, dass die Flucht aus dem Lager selbst gelungen war. Sie konnte nicht wissen, wann er in Worms eintraf auf dem Laubengrundstück, wo für ihn Geld und Kleider bereitlagen, ob er vielleicht schon die letzte Nacht dort durchgekommen war. Diese Laube gehörte einer Familie Bachmann. Der Mann war Trambahnschaffner2). Beide Frauen waren vor dreißig Jahren zusammen in die Schule gegangen, ihre Väter schon waren Freunde gewesen und später auch die Männer. Beide Frauen hatten gleichzeitig alle Lasten des gewöhnlichen Lebens getragen und in den letzten drei Jahren auch die Lasten des ungewöhnlichen. Bachmann war freilich nur Anfang 33 kurz verhaftet gewesen. Er lebte seither in Arbeit und ungeschoren.

Auf diesen Mann, den Trambahnschaffner, wartete jetzt Frau Bachmann, während die Wallau auf ihren Mann wartete. Stark beunruhigt, was sich in winzigen, zuckigen, wie zersplitterten Bewegungen ihrer Hände zeigte, wartete Frau Bachmann auf den Mann, der freilich nur zehn Minuten brauchte von der Remise3) in seine Stadtwohnung. Vielleicht hatte er auch einspringen müssen, dann kam er erst gegen elf. Die Frau Bachmann fertigte ihre Kinder ab, wobei sie sich selbst etwas beruhigte.

Nichts kann dabei passieren, sagten sie sich zum tausendstenmal, nichts kann herauskommen. Ja, selbst wenn es herauskommt, uns kann niemand auch nur das geringste nachweisen. Geld und Kleider kann er ja einfach gestohlen haben. Wir wohnen hier in der Stadt, seit Wochen ist keiner von uns in die Laube gegangen. Wenn man nur nachsehen könnte, fuhr sie ihren Gedanken fort, ob das Zeug noch da ist. Man kann das schlecht aushalten. Dass das die Wallau fertigbringt!
Sie, die Bachmann, hatte damals zu der Wallau gesagt: »Weißt du, Hilde, das hat die Männer, auch unsere, ganz verändert.« Die Wallau hatte gesagt: »Den Wallau hat gar nichts verändert.« Sie, die Bachmann, hatte gesagt: »Wenn man einmal richtig tief in den Tod reingeguckt hat.« Die Wallau hatte gesagt: »Unsinn. Und wir? Und ich? Bei der Geburt meines ältesten Sohnes bin ich fast draufgegangen. Das Jahr drauf wieder einen.« Sie, die Bachmann, hatte gesagt: »Die bei der Gestapo wissen alles von einem Menschen.« Die Wallau hatte gesagt: »Alles ist übertrieben. Sie wissen, was man ihnen sagt.«

Als die Bachmann jetzt still und allein saß, fing das Herumgezucke in ihren Gliedern wieder an. Sie holte sich etwas zum Nähen. Das beruhigte sie. Niemand kann uns was nachweisen, sagte sie sich. Es ist ein Einbruch.
Jetzt kam der Mann die Treppe herauf. Also doch noch. Sie stand auf und richtete ihm sein Abendessen. Er kam herein in die Küche, ohne ein Wort zu sagen. Noch bevor sich die Frau nach ihm umdrehte, hatte sie nicht nur im Herzen, sondern über die ganze Haut weg ein Gefühl, als sei mit seinem Eintritt die Temperatur im Zimmer um ein paar Grad gefallen. »Hast du was?« fragte sie, als sie sein Gesicht sah. Der Mann erwiderte nichts. Sie stellte den vollen Teller hin zwischen seine Ellenbogen. In sein Gesicht stieg der Suppendampf. »Otto« sagte sie, »bist du denn krank?« Darauf erwiderte er auch nichts.
Der Frau wurde himmelangst. Aber, dachte sie, mit der Laube kann es nichts sein, denn er ist ja hier. Sicher bedrückte es ihn; wenn nur die Sache vorüber wäre. »Willst du denn nichts mehr essen?« fragte sie. Der Mann erwiderte nichts. »Du musst nicht immer dran denken«, sagte die Frau, »wenn man immer dran denkt, kann man verrückt werden.« Aus den halbgeschlossenen Augen des Mannes schossen ganze Strahlen von Qual. Aber die Frau hatte wieder zu nähen begonnen. Als sie aufsah, hatte der Mann die Augen geschlossen. »Hast du denn was?« sagte da die Frau, »was hast du?« - »Nichts«, sagte der Mann.

Aber wie er das sagte! So, als habe die Frau ihn gefragt, ob er denn auf der Welt gar nichts mehr hätte, und als habe er wahrheitsgemäß erwidert: Nichts. - »Otto«, sagte sie, und sie nähte, »du hast vielleicht doch was.« Aber der Mann erwiderte leer und ruhig: »Gar, gar nichts.« Wie sie ihm ins Gesicht sah, rasch einmal von der Näherei weg in seine Augen, wusste sie, dass er wirklich nichts hatte. Alles, was er je gehabt hatte, war verloren.

Da wurde der Frau eiskalt. Sie zog die Schultern ein und setzte sich schräg, als säße nicht ihr Mann am Tischende, sondern - Sie nähte und nähte; sie dachte nichts und sie fragte nichts, weil sonst die Antwort kommen konnte, die ihr Leben zerstörte.

Und welch ein Leben! Sicher ein gewöhnliches Leben mit den gewöhnlichen Kämpfen um Brot und Kinderstrümpfe. Aber ein starkes, kühnes Leben zugleich, heißer Anteil an allem Erlebenswerten. Wenn sie dazunahm, was sie von ihren Vätern gehört hatten, die Bachmann und die Wallau, als sie zwei kleine bezopfte Mädchen gewesen waren in einer Gasse: nichts, was nicht widergehallt hatte in ihren vier Wänden, Kämpfe um den Zehn-, Neun-, Achtstundentag. Reden, die man sogar den Frauen vorlas, wenn sie die wahrhaft teuflischen Löcher in allen Strümpfen stopften, Reden von Bebel4) bis Liebknecht5), von Liebknecht bis Dimitroff6). Schon die Großväter, hatte man stolz den Kindern erzählt, waren eingesperrt worden, weil sie streikten und demonstrierten. Freilich: ausgerottet, ermordet war man damals dafür noch nicht worden. Was für ein klares Leben. Das soll jetzt gleich durch eine einzige Frage, ja durch einen Gedanken dahin sein und verraten - Aber da ist der Gedanke schon. Was fehlt dem Mann? Frau Bachmann ist eine einfache Frau, sie ist ihrem Mann zugetan. Sie waren mal Liebesleute gewesen, sie sind schon lange zusammen. Sie ist keine Frau Wallau, die recht viel dazugelernt hat. Aber der Mann am Tischende ist ihr Mann gar nicht. Das ist ein ungebetener Gast, fremd und unheimlich.
Wo kam der Mann her? Warum kam er so spät? Er ist verstört. Verändert ist er schon lange. Seitdem er damals plötzlich entlassen wurde, ist er verändert. Wie sie sich damals freute und schrie, war es in seinem Gesicht leer und müd. Willst du denn selbst, dass es ihm geht wie dem Wallau? Nein, will die Bachmann denken. Doch eine Stimme, die viel, viel älter ist als die Frau und zugleich viel jünger, hat schon erwidert: Ja, das wäre besser. Ich kann sein Gesicht nicht aushalten, dachte die Frau. Als hätte der Mann das gehört, stand er auf und ging ans Fenster, mit dem Rücken zum Zimmer, obgleich der Laden heruntergelassen war.
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1) mit „sollte“ ist gemeint: nach Absicht der Machthaber2) Trambahn = Straßenbahn
3) Remise = Straßenbahnbahnhof4) Bebel (1840-1913), Mitbegründer und Führer der deutschen Sozialdemokratie; setzte sich für den Gedanken des Klassenkampfs und der internationalen Solidarität ein;5) Wilhelm Liebknecht (1826-1900), neben Bebel erster Führer der Sozialdemokratie; von Marx beeinflusst, mit dem er lange zusammengearbeitet hat; dessen Sohn Karl Liebknecht (1871-1919), Sozialdemokrat; gründete 1917 den Spartakusbund (äußerster linker Flügel der SPD);6) Dimitroff (1882-1949), bulgarischer Politiker, Mitbegründer der bulgarischen KP, 1935-1944 Generalsekretär der Kommunistischen Internationale

Interpretiere den oben abgedruckten Ausschnitt!

I. Stelle dar bzw. charakterisiere
a) die Situation,
b) die Atmosphäre im Zimmer der Bachmanns,
c) die Gestalt Otto Bachmanns,
d) die Gestalt der Frau Bachmann (im Vergleich mit Frau Wallau)!

II. Erläutere, inwiefern Anna Seghers auch durch das Unglück der Eheleute Bachmann die Unmenschlichkeit eines Terrorregimes aufzeigt!

III. Weise die Besonderheit der Erzählhaltung (Perspektive des Erzählens) innerhalb des angegebenen Abschnitts auf!

Lösungsvorschlag

In einer Klausur für eine Klasse 11 sollte noch eine Einleitung und eine Zusammenfassung des Inhalts vorangestellt werden:

Einleitung
Anna Seghers schildert in dem vorgelegten Ausschnitt ihres Romans ‘Das 7. Kreuz’, wie Hilde Wallau mit Hilfe der befreundeten Familie Bachmann die Flucht ihres Mannes organisiert, indem sie Geld und Kleidung in der Gartenlaube der Bachmanns hinterlegt, und wie Otto Bachmann, der schon seit drei Jahren als Spitzel arbeitet und wegen dieser Flucht dreimal verhört wurde (vgl. Petrus), diese Fluchthilfe beim dritten Mal der Gestapo verrät und durch diesen Verrat für sich und seine Frau den Sinn ihres Lebens zerstört hat. Der Romanausschnitt zeigt, wie das Leben unter einem Terrorregime in dem einen Widerstandskräfte mobilisiert und die moralische Integrität anderer zu brechen imstande ist.

Zusammenfassung des Inhalts
Nach der Flucht Wallaus aus dem Konzentrationslager organisiert Frau Wallau mit Hilfe ihrer Söhne die weitere Flucht, indem sie u.a. in Worms mit Einverständnis der Bachmanns in deren Laube Geld und Kleider hinterlegt.
Die Bachmanns waren Freunde der Wallaus und Herr Bachmann war nur Anfang 33 kurz verhaftet gewesen. Er lebte seither in Arbeit und ungeschoren, aber er war verändert (143,145).
Am zweiten Tag der Flucht wartet Frau Bachmann sehr beunruhigt auf ihren Mann, der sich verspätet hat. Als er kommt, sagt er kein Wort. Frau Bachmann denkt zunächst, dass ihr Mann sich wie sie selbst wegen des Verstecks beunruhigt. Auf ihre Frage, was ihm fehle, antwortet er, dass ihm ‘nichts’ fehle, und sie sieht ihm an, dass er wirklich ‘nichts hat’, dass er alles verloren hat. Ihr Mann wird ihr fremd und unheimlich. Sie weiß, dass ihr Leben, das im Kampf für soziale Gerechtigkeit stark und kühn gewesen war, zerstört ist, und sie denkt, dass es besser wäre, wenn es ihrem Mann wie Wallau ergangen wäre.

I. Charakterisiere

a) die Situation
Wallau ist geflohen; in der Laube der Bachmanns (in Worms) hat Frau Wallau mit Einverständnis der Bachmanns Geld und Kleider deponiert. Bachmann, der seit seiner kurzen Verhaftung vor drei Jahren der Gestapo als Spitzel dient, wird dreimal verhört; beim dritten Mal verrät er das Versteck, so dass Wallau ergriffen werden kann.

b) die Atmosphäre
Die Atmosphäre im Zimmer, als Bachmann nach Hause kommt, ist geprägt durch Wortlosigkeit und Kälte. Bachmann kann nur „nichts“ sagen und noch einmal „gar, gar nichts“ und sich von seiner Frau abwenden (... ging ans Fenster, mit dem Rücken zum Zimmer, obgleich der Laden heruntergelassen war.). Der Verrat ist für Bachmann und seine Frau etwas so Undenkbares, Unbegreifbares, dass es keine Worte gibt, sich über das Entsetzliche auszusprechen. Die Beziehung zwischen den beiden ist zerstört, erfroren (als sei mit seinem Eintritt die Temperatur im Zimmer um ein paar Grad gefallen; 143; Da wurde der Frau eiskalt; 144). Sie können sich nicht mehr ins Gesicht schauen (Ich kann sein Gesicht nicht aushalten), und der Mann dreht ihr den Rücken zu.

c) die Gestalt Otto Bachmanns
Bachmann hat mit Grundsätzen gelebt, die ihn zum Feind des Naziregimes machten, und er bleibt offensichtlich seinen Grundsätzen treu. Aber es fehlt ihm die Kraft, sich für diese Grundsätze und für seine Freunde, mit denen er diese Grundsätze teilt, zu opfern. Dass er bei seiner Arbeit als Spitzel (153) und bei dem Verrat kein Überzeugungstäter ist, sondern ein Mensch, der aus Furcht vor dem Terror sich verändert hat, leer und müd (145) und schwach geworden ist, zeigt sich daran, dass er über seinem Verrat zusammenbricht, dass er sich seine Schwäche nicht verzeihen kann. Besonders deutlich wird dies, wenn im vorgelegten Text von der Qual gesprochen wird, die Bachmann erleidet, als er Wallau verraten hat (Aus den ... Augen ... schossen ganze Strahlen von Qual), und daran, dass alles, was er je gehabt hatte, ... verloren ist, dass er auf der Welt gar nichts mehr hat. Und es ist konsequent, dass er sich aus Verzweiflung über seine Tat erhängt.

d) die Gestalt der Frau Bachmann (im Vergleich mit Frau Wallau)
Frau Bachmann ist eine einfache Frau, die ein gewöhnliches Leben (144) geführt hat. Aber sie ist fest verhaftet in der Tradition der Arbeiterbewegung, die ihr Leben geprägt, die dieses Leben, das ein heißer Anteil an allem Erlebenswerten war, klar (145), stark und kühn gemacht hat; so ist zu verstehen, dass der Verrat ihres Mannes ihr Leben völlig zerstört, dass sie wünscht, ihr Mann sei eher gefoltert und getötet worden, als dass er zum Verräter geworden wäre (Willst du denn selbst, dass es ihm geht wie dem Wallau? Nein, will die Bachmann denken. Doch eine Stimme ... hat schon erwidert: Ja, das wäre besser. 145). Ihr fehlt aber ein klarer Einblick in die politische Situation, sie ist keine Frau Wallau, die recht viel dazugelernt hat (145); zudem ist sie ängstlich; so hält sie die Gestapo für allmächtig, fühlt sich ständig verfolgt und ist ständig beunruhigt, vor allem, als Wallau geflohen ist und sie die Entdeckung des Gelds und der Kleider in ihrer Laube befürchtet.
Sie war ihrem Mann zugetan (145), kennt ihn gut, hatte seine Veränderung nach der Verhaftung bemerkt und weiß nun, als sie ihren Mann ansieht, um den Verrat. Zunächst weigert sie sich, diese furchtbare Enttäuschung auf sich zu nehmen. Vor drei Jahren, nach der Entlassung ihres Mannes, hatte sie vielleicht geahnt, was ihn so leer und müd gemacht hat; wenn sie etwas geahnt hat, so hat sie diese Ahnung völlig verdrängt. Und jetzt fragte sie nichts, weil sonst die Antwort kommen würde, die ihr Leben zerstörte. (144); dieses Mal aber wehrt sie sich erfolglos gegen das Wissen um den Verrat: Wie sie ihm ins Gesicht sah ... in seine Augen, wusste sie ... (144). Die schreckliche Enttäuschung über ihren Mann lässt ihr diesen wie einen Fremden erscheinen (als säße nicht ihr Mann am Tischende; 144), möglicherweise hasst sie ihn sogar. So erklärt sich, dass sie mit dem Mut einer Verzweifelten in der Nachbarschaft herausschreit, dass ihr Mann sich besser vor dem Verhör erhängt hätte und dass ihr Wäscheseil ihr zu schade sei (203).
Frau Wallau ist mutiger, klüger, nüchterner, aktiver als Frau Bachmann, sie hat im Leben recht viel dazugelernt (145) und hat Durchblick gewonnen, weiß die Machtverhältnisse richtig einzuschätzen. So setzt sie Frau Bachmanns Die bei der Gestapo wissen alles von einem Menschen (143) entgegen: Alles ist übertrieben, sie wissen, was man ihnen sagt. (143). Bei dem Versuch, ihren Mann zu retten, ersetzt sie Erfahrung durch eine Art Besessenheit (Behextheit; 141), geht aber in vielen Einzelheiten geschickt (142) vor.

II. Erläutere, inwiefern Anna Seghers auch durch das Unglück der Eheleute Bachmann die Unmenschlichkeit eines Terrorregimes aufzeigt!
Die Unmenschlichkeit des Terrorregimes zeigt sich im ausgewählten Romanausschnitt vor allem darin, dass der Terror der Familie Bachmann eine unmenschliche Bewährungsprobe auferlegt, der normale Menschen nicht gewachsen sind, entsprechend der These Brechts, der ein Land unmenschlich nennt, das Helden nötig hat. Unmenschlich ist ein Land, in dem normale menschliche Schwäche zu einer solchen Katastrophe führen kann, dass man den eigenen Mann lieber tot sieht, als dass er einen Verrat begeht.

III. Weise die Besonderheit der Erzählhaltung (Perspektive des Erzählens) innerhalb des angegebenen Abschnitts auf!
Der Erzähler steht teils distanziert über den Personen der Erzählung, teils fühlt er sich in die Personen ein und erzählt aus deren Perspektive; der Text bleibt oft in der Schwebe zwischen der Darstellung durch einen außenstehenden Erzähler und der durch einen Erzähler, der anteilnimmt, teils so sehr, dass er aus der Situation der Person heraus spricht. Der Begriff ‘Hoffnung’ im ersten Satz des Ausschnitts zeigt z. B. die Anteilnahme, die Formulierung Als hätte der Mann das (was die Frau denkt) gehört, stand er auf ...am Ende des ausgewählten Textes weist auf einen außenstehenden Erzähler. Insgesamt bestimmt die Haltung eines solchen außenstehenden Erzählers mehr den ersten Teil; als über Frau Bachmann erzählt wird, identifiziert sich der Erzähler zunehmend mit dieser Person, es wird mehr und mehr aus deren Perspektive erzählt. Diese Perspektive beginnt S. 143 oben Vielleicht hatte er auch einspringen müssen; dann folgt eine Art inneren Selbstgesprächs (‘innerer Monolog’), auf das auch ausdrücklich hingewiesen wird: fuhr sie in ihren Gedanken fort, sagte sie sich. Reiner innerer Monolog findet sich bei den Fragen Was fehlt dem Mann? (145) Wo kam der Mann her? Warum kam er so spät ... Willst du denn selbst, dass es ihm geht wie dem Wallau? (145)



Klausur: Franz Marnet - Paul und Liesel Röder / 'Das siebte Kreuz'

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